BIBLIOGRAFIE

KUNSTSPIELEKUNST

Kunststation Kleinsassen e.V. (Hrgb.): KunstSpieleKunst. Kunst verspielt, bewegt, interaktiv, Kleinsassen 2019, S. 20f.

COSIMA GÖPFERT. ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß

COSIMA GÖPFERT. ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß, Einzelkatalog, Verlag SchumacherGebler, Dresden 2018. •  ISBN  9783941209527

MAGISCHE QUADRATE

Kunstwetthüringen e.V. (Hrgb.): Magische Quadrate, Mühlhausen 2017, S. 13. •  ISBN  8000203997437

LET'S BUY IT!  KUNST LIEB : KAUFEN BÖSE

Christine Vogt (Hrgb.): Let's buy it! Kunst und Einkauf. Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter. Kunst lieb : Kaufen böse, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Kerber Verlag, Bielefeld / Berlin 2017, S. 47. •  ISBN  9783735603203

REFORMATION

Schwarzenberg (Hrgb.): ReFORMation. art-figura, Verlag Mike Rockstroh, Aue 2017, S. 40f.

IM ZEICHEN DES GOLDES

Schwabach (Hrgb.): Im Zeichen des Goldes. Ortung IX, Fürth 2015, S. 10f.

ENTROPHY

Liz Bachhuber, Bauhaus-Universität Weimar (Hrgb.): Entrop h y. Garbage and Art, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, Bad Langensalza 2011, S. 102f. •  ISBN  9783860684412

TEXTE


ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß

Philipp Schreiner, M.A. Kunstwissenschaftler

Created with Sketch.

Zwischen Parallelität und Symbiose von Material und Konzept


Cosima Göpfert wandelt seit jeher auf unterschiedlichen künstlerischen Pfaden. Mal mehr und mal weniger weit voneinander entfernt, führt der eine entlang einer stark konzeptuell und damit entmaterialisierten Kunst, wie sie sich in ihren Interventionen, Installationen und Aktionen (WUNSCH- BRUNNEN, 2010; DAS KUNSTKARTELL, 2011; WERTZUWACHS DURCH WERTVERSATZ, 2014) manifestiert. Parallel dazu bildet ein handwerklich fundierter Umgang mit Material und Werkstoffen stets eine Art Ausgleichspfad. Nicht selten jedoch verlaufen diese Wege sehr eng beieinander, kreuzen sich vielleicht, denn Material und Konzept bilden in Göpferts Œuvre eine untrennbare Einheit (DER STEIN DER WEISEN, 2012; KAPITALISMUS, 2015; ES IRRT DER MENSCH …, 2017). Aktuell bewegt sie sich mit Vorliebe auf der Seite des Dynamisch-Visuellen, des Konkret-Konstruktiven, ohne dabei vollkommen den Blick für die andere, die konzeptuelle Seite zu verlieren. 

Als Schnittstelle dieser Betätigungsfelder fungiert die Serie MORS FROM MARS (2015−2017). Hier treffen die intensive Auseinandersetzung mit manuell hergestellten, seriellen Formen, die durchgängig vorhandene geistig-intellektuelle Ebene in Göpferts Arbeiten, als auch ihr Interesse für Politik und Zeitgeschehen aufeinander. Die jeweils quadratischen Tafeln zeigen horizontal und rechtsbündig aufgebrachte, runde Plättchen. Die matt-weißen Porzellanscheiben ziehen sich in mehreren Reihen über den zwischen Blau und Hellblau abgestuften Hintergrund. Die Kombination aus Weiß und Blau ruft automatisch erste Assoziationen eines Wolkenbildes, einer Himmelsdarstellung hervor. Der zweite Blick macht die strenge Formation der vermeintlichen Wettererscheinungen deutlich und löst die Wolkenassoziation schnell in Luft auf. Es gilt hier ein System, das mittlerweile veraltet und überholt erscheint, zu erkennen und zu entschlüsseln. Der Werktitel räumt ein, dass es sich um die Morsespra- che handelt, dass das Dargestellte ein Zeichensystem, eine Botschaft ist. Mit MORS FROM MARS thematisiert die Künstlerin gegenwärtige politische Ereignisse, wie die Überwachsungsproblematik durch multimediale Kommunikationsmittel im 21. Jahrhundert.

CLUSTER und GROBE MASCHE – Die visuelle Dynamik konstruktiver Einheiten

Seit 2016 erarbeitet Cosima Göpfert objekthafte Bildtafeln, deren Gestaltungsmittel der systematischen Ordnung sich wiederholender serieller Formen unterliegen. Die Grundlage bildet stets eine quadratische, in mattem Schwarz pigmentierte Holzfaserplatte, auf der sie reliefartig, mehr oder weniger tief in den Raum ragende, Porzellanelemente aufbringt. Pro Arbeit ist es immer nur eine einzige Form, die repetitive Verwendung findet – teilweise bis zu hundertmal. Die manuell hergestellten Einzelteile werden von der Künstlerin selbst ent- worfen, gegossen, gebrannt und, in manchen Fällen, glasiert. Der Helligkeitsgrad ihrer Erzeugnisse variiert jedoch gegenüber weiß strahlendem Haushaltsporzellan. Göpfert beeinflusst sehr bewusst den Brennprozess und senkt die Temperatur ihres Ofens auf 1300 anstatt der üblichen 1400 Grad Celsius. Folglich erscheinen die Teile in einem zarten Creme-Ton, der sich dem gewöhnlichen Alltagsweiß der Gebrauchsgegenstände entsagt. 

Für ihre Arbeiten CLUSTER verzichtet die Künstlerin auf die Glasur der Porzellanstücke. Streng geordnet sind die rautenförmigen Biskuits (so wird unglasiertes Porzellan bezeichnet) auf schwarzem Grund befestigt. Die Rauten sind nicht flach, sondern ragen leicht pyramidenartig in die Tiefe und öffnen somit das „Bild“ hin zum Raum. Diese Überwindung der Fläche und das Eindringen von Göpferts Tafeln in den realen, in den dreidimensionalen Betrachterraum, ist ein Hauptmerkmal dieser Werk- gruppe. Dem aufmerksamen Beobachter eröffnen sich Würfel, zusammengesetzt aus drei Rauten für je eine Seitenfläche der illusionistisch-körperhaften Erscheinung; an anderer Stelle setzen sich sechs zueinanderstehende Biskuits zu einem Sterngebilde zusammen. Deren plastische Modulation wird rege unterstrichen durch das Hell-Dunkel-Spiel der kleinen Pyramiden-Seitenflächen, wodurch der Blick verführt wird, mannigfach weiteren Formen nachzugeben, die sich zwangsläufig unter die Hauptelemente von Würfeln und Sternen drän- gen. Die Rautenformen zerfallen in Dreiecke differenziertester Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Die Ordnung des Gesamtkonstrukts weicht auf, vorher kaum geahnte Binnenformen überwinden die schmalen schwarzen Stege, die aus dem matt-schwarzen Hintergrund unauffällig, aber als unabdingbarer Teil des Formgeflechts, zwischen den Keramikrauten in den Vordergrund drängen. Aufgeregt unterliegt das Auge den variierenden Formen und Graustufen, verfolgt es die visuelle Dynamik dieser konstruktiven Einheiten. 

Die Reliefs präsentieren sich in einem strukturierten Gewimmel gleichen Prinzips, aber unter veränderter Einzelformverwendung. Glasierte Versatzstücke ähneln einer stilisierten S-Form, die sich eng aneinander liegend in scheinbar klaren Linien horizontal und vertikal auf dem dunklen Untergrund verteilen. Die Summe der Teile macht es beinahe unmöglich, den Fokus auf diesem Ordnungsraster ruhig verweilen zu lassen. Zu groß sind die Wechselwirkungen zwischen schwarzem Hintergrund und weißen Objekten, zwischen schwarzen Windmühlen und den bauchig-geschwungenen Linien des glänzenden Porzellans. Diese serielle Wie- derholung der Materialstücke erzeugt einen neuen, einen eigenen Kontext, innerhalb dessen das Material selbst zum Bildthema wird 1

Cosima Göpferts Ansatz, das gleiche Materialstück seriell innerhalb einer Bildtafel in Rastern anzuordnen, findet man in ähnlicher Manier bei dem deutschen Künstler Peter Roehr, der in den 1960er Jahren mit industriell gefertigten Etiketten experimentierte, die er gleichmäßig geordnet nebeneinander klebte. Diese konstruktiven Arbeiten auf Papier bezeichnete er als „Montagen“ 2 . Im Aufbau gleichen sie den Objekten von Cosima Göpfert, bleiben aber der Zweidimensionalität verhaftet, optische Täuschungen oder visuelle Phänomene sind ihnen daher auch nur wenig inhärent. Wo Roehr auf der Fläche, auf dem Papier bleibt, dringt Göpfert weit in den realen Raum ein und erzeugt optische Effekte, die sich in einem visuellen Dialog mit dem Betrachter entfalten. Dass Göpferts All-Over-Strukturen auf eigens gefertigten und entworfenen Materialstü- cke basieren, unterstreicht die Unterschiedlichkeit in Wirkungsabsicht und Intension. 

Den Sehprozess dazu zu zwingen, über die Grenzen einzelner Formen hinauszugehen, etablierte sich in der Kunst des Konstruktivismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Vertreter wie Piet Mondrian und Theo van Doesburg erzeugten Bewegung und Dramatik, indem sie einfache geometrische Formen und Flächen einander zuordneten, gegenüberstellten, kombinierten. Das inhaltliche Geschehen der Bilder vollzog sich nun nicht mehr im Werk, sondern im Betrachter. 3 Dieses optische Spiel, die Vieldeutigkeit des Bildgeschehens, wie es sich gleichfalls in Cosima Göpferts Werken zeigt, sind Eigenschaften einer Kunstrichtung, die sich der anfänglichen konstruktiven Errungenschaften annahm, diese weiterführte, um sich ausschließlich mit visuellen Phänomenen zu beschäftigen: Mit der Op-Art etablierte sich in der Mitte der 1950er Jahre eine non-figurative, konstruktive Kunst, die sich diese optischen Täuschungen zu eigen machte und versuchte mit einfachsten Mitteln illusionistische Bewegungen und Raumwirkungen zu erzielen. 4 Nennenswerte Produzenten in diesem Sinne entstandener visuell-vibrierender Konstruktionen und täuschender Kippbilder waren François Morellet und Victor Vasarely. Letzterer spielte oft und gern mit dem Motiv des Würfels, den er poppig-neonfarben immer wieder neu inszenierte.

HOMMAGE – Mit Popkultur den Nagel auf den Kopf treffen

100 Barbie-Beine, vom Oberschenkel bis zur Fußspitze aus Porzellan, unglasiert, montiert auf schwarzem Quadrat sind auf das Gegenüber gerichtet. Eindrucksvoll und gleichzeitig bedrohlich wird man mit ihnen konfrontiert. Einzeln wirken sie harmlos, als serielle Entität ein wenig beängstigend, wie Pfeilspitzen, die in ihrem Flug gerade noch rechtzeitig festgehalten wurden. Der Moment der Konfrontation ist geprägt von großer Dynamik – die der innerbildlichen Struktur und der im realen Raum. Versuche den Kopf links oder rechts der vermeintlichen Bedrohung zu entziehen verlaufen im Nichts, offerieren hingegen Erfahrungen, die im klassischen Tafelbild nie, im Bereich der Skulptur durchaus gegeben sind: Die Veränderung der Betrachterposition ist verbunden mit Veränderungen der Ansicht und damit der Form, der Erscheinung – Bewegung herrscht im Innen wie im Außen. Für Göpfert stellt HOMMAGE eine vielseitige Huldigung dar: Einerseits ist es ein noch immer lebendiges, aber umstrittenes Relikt der Popkultur (1959 wurde die Puppe erstmals auf der American Toy Fair in New York präsentiert). Andererseits versteht die Künstlerin ihr Wandobjekt als Hommage an die Frau an sich. Künstlerische Inspiration hingegen, und gleichzeitig eine weitere Huldigung, gilt den berühmten Nagelbildern Günther Ueckers. Göpferts Barbie-Beine funktionieren in einer Weise ähnlich zu diesen, indem sie „dem Betrachter aktiv und oft sogar aggressiv entgegen“ kommen: „[…] sie erweitern die Oberfläche materiell in den Raum hinein und erzeugen expressive, starre oder bewegte Strukturen“ 5 . Die Keramikmontagen als auch die Nagelbilder leben von ihren Materialpräsenzen und von Grenzüberschreitungen hinsichtlich eines klassischen Bildbegriffs. Als konstruktive Wandobjekte lassen sie sich vielleicht verallgemeinern. Ohnehin changieren sie irgendwo zwischen Op-Art, Konkreter Kunst und Montage. Doch beim Versuch sie zu greifen, helfen zumindest die etablierten Kategorien nur bedingt. 

Ob CLUSTER, GROBE MASCHE oder HOMMAGE, die Strukturen und Raster in dieser konstruktiven Werkgruppe der noch jungen Künstlerin, verleiten den Blick zu immer neuen Kombinationen, zu immer neuen Formen und evozieren visuelle Phänomene, denen sich der Betrachter hin- gezogen fühlt. Wenngleich, und dies ist vielmehr als Qualität, denn als Reduktion zu verstehen: „All diese ‚Figuren‘ bleiben flüchtige Hilfskonstruktionen bei dem Versuch, die unerbittliche Gleichförmigkeit zu überwinden, zu der sie sich alle wieder auflösen.“ 6

ES IRRT DER MENSCH … (2017)

Eine der aktuellsten Arbeiten Cosima Göpferts vermag den eingangs erwähnten Wandel zwischen den Wegen, den Wandel zwischen den Disziplinen, wieder mehr auf den Pfad des Konzepts zu führen: Auf einem Sockel mit schwarzer Holzplatte ragen drei identische Unterarme samt geballten Fäusten in die Luft. Auf ihrer Hülle aus glasiertem Porzellan bricht sich das Licht, werfen Fingerglieder Schatten, glänzen sie wie Pokale. Nur die Kraft dieser kanonischen Geste erhebt sie über ihr Anwärterdasein für den Trophäenschrank. Das Symbol ist stärker als die Form selbst, die Idee gewinnt überhand gegen das Material. Die Diskrepanz, das Spannungsverhältnis zwischen schönem Schein und Realität, offenbaren und verbergen sich gleichermaßen im Material. Witz und Ironie halten Einzug. Die Ambivalenz zwischen der Zerbrechlichkeit des Seins und der Widerstandskraft einer Geste geb(r)annt in Fäusten aus Porzellan – und Konfetti für die Feier danach. (Wohlgemerkt, handelt es sich hier um die linke Hand, die zur Faust geballt wird.) 

Dieses spielerisch-humoristische Element spricht aus vielen Arbeiten der Künstlerin. Sei es die Nachbildung eines der bekanntesten Handgranaten-Modelle, der MK2, aus Porzellan, gefüllt mit Lachgas (HGR-E942 / DER KRIEG, 2012) oder ein essbares Denkmal für einen Wolkenkratzer in Jena, aus Keks und Zuckerguss (VENUS DES OSTENS, 2013). 

Die Arbeiten von Cosima Göpfert schöpfen ihren Gehalt aus den unterschiedlichen Wegen, aus den verschiedenen Ebenen ihrer Kunst. Im Spannungsfeld von Parallelität und Symbiose zwischen Material und Konzept entstehen intellektuelle und formale Vibrationen. Die geistige wie visuelle Ambiguität ihrer Werke zeugen, neben deren handwerklich fundierter Fertigung, von großer Qualität. Unabhängig davon, welchen historischen, zeitgeschichtlichen oder politischen Themen die gebürtige Thüringerin sich künftig widmen wird, ihre künstlerischen Ideen wird sie weiterhin nicht ohne das passende Material entwickeln.

 1  Meike Boldt: Wann ist ein Bild ein Bild? Materialsprache und Bildphilosophie in den Werken von Imi 
     Knoebel und Peter Roehr, in: Serielle Materialität. Imi Knoebel und Peter Roehr, Ausst.-Kat. hrsg. von 
     Babett Forster/ Claudia Tittel, Jena 2013, S. 16. 
 2  Vgl. Serielle Materialität. Imi Knoebel und Peter Roehr, Ausst.-Kat. hrsg. von Babett Forster/ Claudia Tittel, 
     Jena 2013. 
 3  Ebd.,S.92/93. 
 4  Markus Stegmann/ René Zey: Lexikon der Modernen Kunst. Techniken und Stile, Hamburg 2007, S. 113. 
 5  Marlene Husung: Günther Uecker, in: AUFBRUCH. Malerei und realer Raum, Ausst.-Kat. hrsg. von 
     Alexander und Silke von Berswordt-Wallrabe/ Britta E. Buhlmann/ Erich Franz, Heidelberg 2011, S. 170. 
 6  Erich Franz: Malerei und realer Raum, in: AUFBRUCH. Malerei und realer Raum, Ausst.-Kat. hrsg. von 
     Alexander und Silke von Berswordt-Wallrabe/ Britta E. Buhlmann/ Erich Franz, Heidelberg 2011, S. 19. 

Eröffnungsrede der gleichnamigen Ausstellung auf Burg Ranis

THE OTHER SIDE

Manuela Dix, Kunsthistorikerin

Created with Sketch.

Guten Abend meine Damen und Herren,


ich freue mich nun schon zum zweiten Mal die Ausstellung im Rahmen der Literaturtage auf der Burg Ranis eröffnen zu dürfen und das mit einer Künstlerin, deren Werk nicht nur – wie man so schön sagt – „erfrischend anders“ ist, sondern mich immer wieder aufs Neue fasziniert und mich neue Arbeiten stets mit Spannung erwarten lassen. Das künstlerische Schaffen von Cosima Göpfert ist meines Erachtens einzigartig in der Thüringer Kunstlandschaft und zeichnet sich durch Originalität, Witz und eine ganz eigene Ästhetik aus.

Auf der anderen Seite hätte sicher der ein oder andere Mann nichts gegen eine solche Aufmerksamkeit – ein Dutzend langer schlanker Damenbeine, gehüllt in adrette Kleidung. Es gibt für einen Mann sicher schlimmeres! Und genau hier beginnt das Dilemma zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Während die Frau diese Geste bereits als Beleidigung auffassen könnte, führt sie beim Mann möglicherweise zur Verzückung. Jedoch ist die Reduzierung der Frau auf ein paar Beine Symbol eines überholten, chauvinistischen Denkens – wenn vielleicht auch heimliche Männerfantasie, was die Arbeit „Wie lieb von dir!“ schließlich zum sinnfälligen Ausdruck der aktuellen Verunsicherung beider Geschlechter zwischen Tradition und Emanzipation erhebt.

Ähnlich wie das Nachdenken über längst hinfällige Schönheitsideale sollte auch die Existenz kriegerischer Auseinandersetzungen in unserer heutigen zivilisierten Welt eigentlich zu einem Relikt geworden sein, das man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Momentan ist das Thema Krieg, wenn vielleicht auch anders genannt, aktueller denn je. Ein Krisenherd tut sich neben dem nächsten auf und es scheint kein Ende in Sicht – Da stellt sich doch die Frage, ob der Krieg zum Menschen dazu gehört. Ist er also Teil des menschlichen Wesens? Damit hat sich Cosima in ihrer Diplomarbeit im Jahr 2012 auseinandergesetzt und im Zuge dessen mit dem Porzellan-Objekt „HGr-E942“ einen sarkastischen Kommentar geschaffen – eine Handgranate aus einem glänzenden, edlen Material, das sofort das Auge anspricht und daher ein wunderbares Deko-Objekt abgeben würde, wäre da nicht dieser lästige Kriegskontext – und so jongliert Cosima ganz locker und ungeniert mit den verschiedenen Widersprüchen, welche die Granate in sich vereint: Ästhetik versus Symbolkraft, Zerstörungspotential der Waffe kontra Fragilität des Materials. Dies alles vereint sie spielerisch in einem Objekt nicht ohne abschließende Pointe, wenn der Betrachter erfährt, dass sich in der Granate Lachgas befindet, das wiederum eine völlig konträre Wirkung zu der der echten Handgranate entfaltet. Jedoch gibt es einen Wermutstropfen: wollte man in den Genuss kommen, das Lachgas erfahrbar zu machen, zöge dies die Zerstörung des wunderschönen Deko-Objektes nach sich.
Das Thema der Handgranate lässt Cosima nicht los – sind doch ihre Granaten mittlerweile so etwas wie ein Maskottchen geworden. 2014 folgt mit der Emaille-Arbeit „Ananas“ eine Erweiterung, in der sie die Granate ihrer Materialität befreit und sie damit zu einem bloßen Zeichen stilisiert. Die ursprünglichen Exemplare aus Porzellan, die einst zur Ikonisierung geführt haben, lässt sie nun die Überhöhung ihrer selbst anbeten. In der Verharmlosung durch das Wort „Ananas“ zeigt sich aber umso deutlicher ein Charakteristikum ihres künstlerischen Tuns: ihr originärer, bissig schwarzer Humor. Und zweifelsohne lassen die Granaten in ihrer äußeren Form an eine Ananas denken, jedoch verbietet der Moralist in uns diese Assoziation. Schließlich hat man es hier mit einer tödlichen Waffe zu tun und die gedankliche Verbindung zu einem gut schmeckenden und gesunden Lebensmittel wäre geradezu höhnisch. Cosima, die solche Verbindungen nur allzu gern provoziert, gruppiert, während der Betrachter sich noch zögernd Gedanken über passende Analogien macht, die Porzellan-Granaten in ihrem unschuldigen weißen Gewand um die vor einem matten Blau hervorstechende Angebetete und lässt sie wie kleine Konfirmanden erscheinen, die zu dem Idol – dem Göttlichen – streben.

Doch erkundet Cosima auf ihren künstlerischen Streifzügen nicht nur die Abgründe unserer Zivilisation, auch geografisch hat sie bereits fremde Welten bzw. andere Seiten aufgesucht, wie etwa 2013 auf einer Reise quer durch den Osten von St. Petersburg bis zur – zu diesem Zeitpunkt noch Ukrainischen – Krim. Auch hier offenbart sich das Groteske hinter der vermeintlichen Banalität, das sie etwa in einer Fotoserie festhält. „Der russische Spatz“, so der Titel der Arbeit, den man auch auf einem Foto bewundern kann, zeigt sich durchaus offen für ein Stückchen einer beispielhaft westlichen Speise, der Pommes, die er, auf einem kapitalistisch Konsum-propagierenden Tisch sich befindend, dargereicht bekommt. 
Die Fotos, die sich zunächst wie Schnappschüsse generieren, machen Cosimas Talent der genauen, sezierenden Beobachtung sowie ihr Gespür für den Augenblick, in dem sich das Gewöhnliche ins Besondere wandelt, besonders deutlich. Die zwei Herren in legerer Freizeitkleidung etwa, die auf einer Bank vor dem majestätischen Prunkbau des Katharinenpalastes in Puschkin-Stadt sitzen, könnte der Betrachter zunächst als das Bildensemble störend erachten. Jedoch stellt sich heraus, dass besonders der linke Herr zu einem äußerst stimmigen Farbarrangement des Fotos beiträgt, wenn das Gold des Tores und das Blau der Pfeiler mit den auffällig rot-orangefarbenen Streifen des Marken-Trainingsanzuges einen harmonischen Dreiklang bilden.
Die körperliche Erfahrung der Zugreise kann man schließlich an der Arbeit „Seismograf“ nachempfinden. Was zunächst wie eine freie Zeichnung anmutet, in der der Linie Raum gegeben wird, ist tatsächlich eine Aufzeichnung eines selbst hergestellten Seismografs, der die Bewegungen des Zuges während Cosimas Fahrt von St. Petersburg auf die Krim festgehalten hat. Vergegenwärtigt man sich das Auf und Ab der Linien, erhält man eine ungefähre Ahnung, wie komfortabel eine solche Fahrt ist, vor allem, wenn es sich um einen Schlafwagen handelt – das Wörtchen „holprig“ scheint da ein wenig euphemistisch zu sein. Gleichzeitig könnte man bei dieser Linienführung auch geneigt sein, kurz ein, zwei Gedanken an die politische Situation in diesem Lande zu verschwenden.


Nichtsdestotrotz besitzen diese Aufzeichnungen einen hohen ästhetischen Wert, was Cosimas Arbeiten generell zueigen ist. Auch für ihre Emaille-Arbeiten trifft dies zu – ein Material, das seit einiger Zeit Einzug in ihr Schaffen gehalten hat. Während der Fokus ihrer früheren Arbeiten auf der Beschäftigung mit Porzellan liegt, setzt sie sich nun verstärkt mit Emaille auseinander und kommt hier zu ungewöhnlichen Lösungen. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass mit dem Materialwechsel auch eine Verschiebung der künstlerischen Richtung stattfindet. Denn während vor allem ihre Porzellan-Arbeiten direkter und zynischer in ihren Aussagen sind, geht sie in ihren neueren Arbeiten subtiler vor. Diese sind deswegen nicht weniger „gehaltvoll“, vorrangig jedoch minimalistischer im äußeren Erscheinungsbild.


So nähert sie sich der konkreten Kunst an, wie in dem Werk „Mors from Mars“, bei dem auch hier zunächst die äußere Form, also der ästhetische Aspekt, hervorsticht, die jedoch nicht inhaltsleer daherkommt. Und nach wie vor hält sie an ihrer „Strategie“ fest, wenn sie den Betrachter zunächst mit schönen Dingen ködert – edles Material, glatte Oberflächen, ansprechendes Äußeres – während sie ihm gleichzeitig ihre „Medizin“ verabreicht. So nimmt sie sich des aktuellen Themas der Informationsgesellschaft und dem Bedürfnis eines jeden, alles erfahren zu wollen an, in einer Zeit, die Information als Währung begreift, allen voran die großen Konzerne wie google oder facebook. Der unbedingte Wille danach, auch die letzten Geheimnisse zu erfahren – die andere Seite restlos zu erkunden. Doch ist dies überhaupt möglich? Wissen wir denn etwa, was genau die Künstlerin mit Porzellan und Lack auf die Leinwand gebannt hat? Nein – wir müssen ihr erst einmal glauben, dass die Sätze dort stehen, die der Titel zu beinhalten vermeint – sind doch die wenigsten in der Lage, Morsezeichen zu entschlüsseln. Damit erzeugt Cosima ein Misstrauen, welches zeigt, dass es keine letztendlich gültige Wahrheiten gibt, denn: „Dort könnte ja alles stehen“. Und sofern man nicht des Morse-Alphabets kenntlich ist oder ein intelligentes Telefon bei sich hat, endet die Informationsflut ganz abruppt an dieser Stelle und man gibt sich ausschließlich dem Wohlwollen der Künstlerin hin.


Wenn man sich aber auf Cosima Göpfert und ihr Spiel einlässt – was ich unbedingt empfehle – sich nicht von den schönen Dingen blenden lässt, dann kann der Betrachter in eben jene Gebiete vordringen, zu denen sich Cosima bereits vor einiger Zeit aufgemacht hat und von denen sie immer wieder neu, immer wieder anders kund tut – eben von der anderen Seite.

DIE GROßE IRRITATION

Manuela Dix, M.A. Kunsthistorikerin

Created with Sketch.

Plötzlich und unvermittelt steht sie da! Einfach so auf dem Couchtisch, als gehörte sie schon immer da hin. Doch eigentlich hat eine Handgranate nichts auf einem Glastisch zu suchen und schon gleich gar nicht in einem Wohnzimmer. Doch mit ihrer glänzenden Oberfläche aus glatten, schneeweißem Porzellan hat sie sich einfach in die letzte Bastion der Gemütlichkeit gedrängt, als wäre sie eine schickes Designobjekt aus dem letzten Manufactum-Katalog. Und wer mag es ihr verdenken? Ihr Äußeres ist überaus ansprechend – ein edles Material, das sich so gut neben den silbernen Kerzenleuchtern macht. Doch irgend etwas stört die Eintracht. So recht will sich keine Behaglichkeit in Gegenwart dieses Gegenstandes einstellen. Es ist das Objekt an sich, das den Betrachter immer wieder daran erinnert, dass er es nicht mit einem schicken Designerstück zu tun hat, sondern mit einem Kunstwerk.
Das Faszinierende an dieser Handgranate sind die diversen Widersprüche, die sie in sich vereint. Zunächst sticht die Ästhetik des Materials ins Auge: Porzellan, ein Werkstoff, der üblicherweise für schöne, dekorative Dinge verwendet wird. Dem gegenüber steht ein Gefühl der Abscheu, das sich einstellt in Zusammenhang mit dem Gedanken an eine Waffe. Mehr noch: das anheimelnde Wesen schöner Designobjekte, das dem Stoff Porzellan zugeschrieben wird, steht im krassen Gegensatz zu der Angst, die unwillkürlich auftaucht, wenn man sich mit einer derartigen Waffe konfrontiert sieht. Doch diese Handgranate ist harmlos – vielmehr noch: sie ist zu allererst einmal lächerlich. Denn die diesem Instrumentarium inhärente Zerstörungskraft ist ihm vollständig genommen worden. Es besteht sogar die Gefahr, dass das Objekt selbst beschädigt werden könnte, da Porzellan überaus fragil ist. Auch im Innenleben der Handgranate setzen sich die Gegensätze fort. Eine Füllung aus Lachgas, das sich durch eine schmerzstillende Wirkung auszeichnet, ist angesichts der Zerstörungskraft der eigentlichen Waffe eine mehr als zynische Entgegnung. 


Zynismus ist das Wort, das sich wie ein roter Faden durch Cosima Göpferts Werk zieht. So bewegt sie sich in ihren Arbeiten immer wieder zwischen Ernst und Humor, wobei sie nie die Schwelle zur Lächerlichkeit überschreitet. Eher begibt sie sich auf das nicht ungefährliche Gebiet des Galgenhumors, in dem sie sich souverän auszukennen scheint. Es ist die Ernsthaftigkeit der Themen, die die Arbeiten davor bewahren, in der Belanglosigkeit zu verschwinden. Doch kommen diese nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher. Göpfert versteht es, die äußert komplizierte Balance zu halten, wenn sie unter dem Deckmantel der Komik relevante Themen der Gegenwart anspricht. Dadurch gelingt ihr, dem Betrachter durch ihre treffsicheren Kommentare zu aktuellen Diskursen eigentlich gehaltvolle Kost zu servieren, wie etwa in ihren Arbeiten, die sich mit aktuellen Geschlechterdiskussionen auseinander setzt. In Wie lieb von dir begegnen wir erneut dem Porzellan, diesmal in Form eines ungewöhnlichen „Blumenstrauß‘“, der sich bei näherer Betrachtung als ein Bund an Barbiebeinen zu erkennen gibt. Unwillkürlich schießen in Verbindung mit dem Titel Assoziationen wie: Was schenkt ein Mann einer Frau heute? Sind Blumen noch angebracht oder gilt das schon als anachronistische Unterdrückungsgeste des Mannes? Gleichzeitig ist die Figur der Barbiepuppe immer noch ein Symbol des völlig verschobenen Schönheitsideals heutiger Frauen, das es selbstverständlich anzuprangern gilt. Doch was gilt als schön und welche Vorstellung von schön haben Männer? Doch sollte man sich eben nicht an den Idealen der Männer orientieren? Männer wollen doch nur das Eine! Eine schöne, unangestrengte, schlanke Frau! Und das am liebsten im Dutzend! Damals, als Frauen zu Hause blieben, immer nett geKLEIDet waren und kleine Aufmerksamkeiten noch schätzen wussten. Das waren noch Frauen, wie Mann sie sich vorstellt. Rein und unschuldig, wie das weiße Porzellan, aber gleichzeitig schön und sexy mit langen, wohlgeformten Beinen. 


Doch nicht nur die Frauen haben Schwierigkeiten in der Findung ihrer Identität in einer Gegenwart, in der alles kann aber nichts muss. Auch der heutige Mann hat so seine Probleme, die natürlich mit seinem Ego zu tun haben. So demonstriert ihr Narziss, der in der Mythologie an seiner eigenen Eitelkeit zugrunde geht, wie das männliche Selbstverständnis unter den geänderten Verhältnissen leidet. Daher kann die Verunsicherung des Mannes nur in Gestalt eines deformierten Penisses daherkommen. An keinem anderem Körperteil lässt sich die Quasikastration des „starken Geschlechts“ besser versinnbildlichen, wenn die heutige junge, gut ausgebildete Frau ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt und die ihr bis vor nicht allzu langer Zeit verwehrte Karriere verfolgt. So bleiben die zutiefst irritierten jungen Männer in ihren „Kinderzimmern“ zurück und versuchen damit klarzukommen, dass die althergebrachten Rollenklischees plötzlich nicht mehr gelten sollen, während Mutti unten in der Küche das Essen vorbereitet. Denn: „Was soll der Junge denn noch alles machen? Er geht ja schon arbeiten. Da kann er nicht auch noch Kochen lernen“.
Bevorzugt geschieht diese Flucht der jungen Damen in die finanzielle Unabhängigkeit in den noch immer „Neue Bundesländer“ genannten Regionen und hier hauptsächlich auf dem Land. 


Da passt es nur zu gut, dass Cosima Göpfert eben dies in einer weiteren Arbeit thematisiert. Das „Gesellschaftsspiel für Jung und Alt“ mit Namen Ködderschd verweist auf das Phänomen der Landflucht. Schauplatz ist der Ort Ködderitzsch – ein Name wie eine Ohrfeige. Wenn man hier aufgewachsen ist, gibt es nur einen Weg: raus und zwar ganz weit weg; und genau das ist das Ziel dieser scheinbar heiteren Familienunterhaltung. Auch hier lässt sich hinter der heiteren Fassade ein Reflektieren über aktuelle Tendenzen der unmittelbaren Wirklichkeit erkennen.
Mit Ihrem Witz verschleiert die Künstlerin die Irritationen und Schieflagen der Gesellschaft. Aber wir haben es hier nicht mit einer rosaroten Wolke der Harmonie zu tun. Stets lauert unter dem humorvollen Mäntelchen ein bissiger und bitterböser Kommentar, der dem Betrachter das Lachen im Halse stecken bleiben lässt und ihn letzten Endes doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Mit einer abgeklärten Dreistigkeit spricht Cosima Göpfert Dinge an, bei denen man in Gesprächen zumeist betroffen auf den Boden blickt und schleunigst zu unverfänglichen Themen wie dem Wetter wechselt. Doch hier gibt es kein Ausweichmanöver. Das verlegene Lachen wird im Keim erstickt und muss sich der kalten Realität stellen – ebenso wie der Endzwanziger, der irgendwann erkennen muss, dass es bei Mutti doch nicht am Schönsten ist und Frauen nicht unbedingt nur kochen und schön aussehen wollen.