Text & Verzeichnis
Die konzeptuellen Werke von Cosima Göpfert, seien es Porzellanarbeiten oder Op-Art Objekte, spielen gekonnt mit der Illusion. In der ersten Anmutung schön, sogar ganz einfach, sind ihre Arbeiten aber konsequent gesellschaftskritische Aussagen und berühren Schmerzpunkte und Ängste. Krieg, Hungersnöte, Überwachung, Flucht, Pegida … Die Liste ist lang und zeigt einen künstlerischen Aktivismus der feinen Art, der auch die Umdeutung bekannter Formen oder Interventionen im öffentlichen Raum einschließt. Ihr Werkkatalog spielt immer auch mitfühlend und durchaus humorvoll mit dem Schrecklichen und ist deshalb auf komplexe Weise politisch.
Andrea Simon, Belichtungsmesser Festival 2026
EINE KÜNSTLERISCHE EINORDNUNG
Susanne Knorr, Kuratorin und Kunsthistorikerin der Erfurter Museen
[...] Die konzeptuellen Arbeiten, die auf den ersten Blick scheinbar so perfekt und einfach zu deuten daherkommen, sind komplex und vieldeutig, spielen mit Simplem und Bekanntem, legen aber letztlich immer den Finger in eine Wunde. Sie nehmen konsequent Bezug auf gesamtgesellschaftliche Probleme, seien es Fragen der Nachhaltigkeit („Neue Aufgaben für alte Säcke“), des Umweltschutzes, des gnadenlosen Tourismuswettkampfs („Stein der Weisen“), zur prekären Situation von Künstler:innen oder zu Geschlechtergerechtigkeit, aber vor allem sind es politische Themen wie Kriege („HGr-E942“, „Es irrt der Mensch“), Pegida („Zu 100 oder 1000“), Überwachung und Flüchtlingssituation („Mors from Mars“) oder die Hungersnot auf der Welt („Kleine Brötchen & Warme Semmeln“), zu denen sie sich mit ihren Werken
positioniert.
Bereits während ihres Studiums stand die Auseinandersetzung mit politischen Themen im Fokus ihres künstlerischen Schaffens. Beispielhaft kann das als Intervention im öffentlichen Raum konzipierte Projekt „HGr-E942“ (Porzellanhandgranaten gefüllt mit Lachgas, ausgestellt auf dem Weimarer Marktplatz) genannt werden. Seitdem dominiert der gesellschaftspolitische sowie gesellschaftskritische Aspekt in Verbindung
mit der Umcodierung von Materialien und Assoziationen ihre Arbeiten, die häufig interaktiven beziehungsweise partizipativen Charakter tragen. „Kleine Brötchen & Warme Semmeln“ (2021/2022, Multiples als Brötchen und Brotlaib aus Biskuitporzellan) hatte zudem einen karitativen Ansatz: 20 Prozent des Verkaufspreises eines jeden Objektes spendete die Künstlerin an Save the Children.
Aktuell realisiert sie ab 1. Mai gefördert durch ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
ein Projekt, bei dem es um das Thema Demokratie geht: demokratische Haltung und demokratisches
Handeln (oder Nichthandeln) werden künstlerisch untersucht. Der Fokus wird dabei auf die Bevölkerung
im ländlichen Raum gerichtet. Vor dem Hintergrund der anstehenden Kommunal-, EU- und Landtagswahlen in Thüringen ist dies ein sehr wichtiger Beitrag, in dessen Rahmen unter anderem ein Flashmob „geplant“ ist.
Für das Kunstfest Weimar wird Cosima Göpfert anlässlich des Verfassungsjubiläums 75 Jahre Grundgesetz
zwei Aktionen auf dem Theaterplatz in Weimar realisieren – einem bedeutenden Ort für Demokratie in
Deutschland (Nationaltheater: Gründungsort der ersten Demokratie in Deutschland; vis à vis befindet sich
das Haus der Weimarer Republik. Forum für Demokratie).
Ihre Werke sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten: Thüringer Staatskanzlei, Thüringer
Landesvertretung in Berlin, SparkassenVersicherung Stuttgart, Kunstsammlung Jena, Sammlung Krätz –
Kassel, Sammlung Schenkel – Zürich u. a.
Da die Arbeiten von Cosima Göpfert nicht nur durch ihre thematische Ausrichtung, sondern ebenfalls
durch die künstlerische Qualität, eine innovative Herangehensweise sowie ihren komplexen Ansatz und
die intelligente Durchdringung des jeweiligen Themas überzeugen, möchte ich meine Empfehlung
nachdrücklich unterstreichen. [...]
SCHMELZPUNKT
Cosima Göpfert und Michael Ernst haben ihrer heute hier zu eröffnenden Ausstellung den Titel „Schmelzpunkt“ gegeben. Ein Wort, das unwillkürlich Sinnzusammenhänge in den verschiedensten Dimensionen eröffnet — vor allem in Hinblick auf das künstlerische Schaffen der beiden. Zwar ist dies nicht die erste gemeinsame Präsentation ihrer Werke, jedoch passt kaum ein Titel besser, als der für diese Ausstellung gewählte.
Zunächst einmal gibt das Wort Schmelzpunkt — also die Temperatur, ab der ein Stoff bei einem bestimmten Druck schmilzt, das heißt vom festen in den flüssigen Zustand übergeht — einen ersten Hinweis auf die künstlerischen Materialien der beiden. Denn in der Herstellung der Kunstwerke sowohl bei Cosima als auch bei Michael spielt dieser Zustand eine gewichtige Rolle. So haben wir zum einen die Stahlplastiken und kinetischen Skulpturen von Michael Ernst und zum anderen die Porzellanobjekte von Cosima Göpfert, die hier in den Räumen dialogisch korrespondieren.
Neben der wörtlichen Bedeutung, die Bezug auf den künstlerischen Prozess nimmt, gibt es eine weitere, sinnbildhafte Ebene, die auf die Verschränkung der Lebenswege der beiden anspielt, welche ihren Ausdruck bereits in gemeinsamen Kunstwerken gefunden hat, wie etwa die Emaille-Werke „Sputnikowski“ oder „Yin & Yan“ aus dem Jahr 2014. Diese künstlerische „Verschmelzung“ ist jedoch nur punktuell und bildet eine Außnahme im ansonsten jeweils eigenständigen Oeuvre der beiden.
Widmen wir uns also den einzelnen Pfaden und beginnen mit Michael Ernst, der 1973 in Stolberg im Harz geboren wurde und als Kunstschmied ausgebildet ist. Seine Werke, die sowohl als Kleinplastiken als auch als überlebensgroße Objekte auftreten, haben unverkennbare Referenzen in der Objektkunst der Moderne. Michael bewegt sich gekonnt in der Tradition von Künstlern wie Alexander Calder oder Eduardo Chillida und findet zwischen diesen Positionen seine ganz eigene Ausdrucksform.
Die Materialien Eisen und Stahl hielten insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts Einzug in die bildende Kunst. Die zunächst als industrielle Rohstoffe favorisierten Werkstoffe wurden nun zunehmend für die Avantgarde interessant, wobei Eisen als zeitloses, vorindustrielles Material referenziert wurde, während Stahl als Ausdruck einer technischen Utopie galt. Thematisch von Bedeutung war hier in erster Linie die Auseinandersetzung mit positivem und negativem Volumen sowie die Durchdringung von Körper und Raum — was auch bei den Arbeiten von Michael Ernst zu beobachten ist — aber darauf komme ich gleich noch einmal zu sprechen. Einer der wohl bekanntesten Vertreter ist Alexander Calder, der zwar erst in den 1950er und -60er Jahren den Beginn einer neuen Richtung — der Kinetik — einläutete, aber bereits in den 1920ern seine Anfänge hatte. Seine von Marcel Duchamp als „Mobiles“ bezeichneten und von Mondrian inspirierten Konstruktionen müssen unbedingt im Zusammenhang mit den von Michael Ernst gefundenen Lösungen genannt werden. Denn ebenso wie man Mobilität und Veränderlichkeit als ästhetisches Leitbild mit dem Namen Alexander Calder verbindet, ist die Wendung „Mobiles Eisen“ mit dem künstlerischen Wirken von Michael Ernst verknüpft.
Interessante Parallelen zwischen den beiden werden etwa in einem Zitat von Calder sichtbar:
„Jedes Element, das sich bewegen und rühren kann, das schillert, kommt und geht, steht im ständigen Beziehungsspiel mit den anderen Elementen seines Universums.“
In diesem Satz zeigt sich nicht nur eine Geistesverwandtschaft, sondern ein essentielles Prinzip der kinetischen Kunst. Denn kinetische Werke verhalten sich immer zur Umwelt, da diese stets den sie umgebenden Raum einbeziehen. Indem also äußere Kräfte wie der Wind oder der Mensch auf das Kunstwerk einwirken, wird der Werkbegriff um diese Ebene geöffnet und erweitert. Auch in den kinetischen Arbeiten von Michael Ernst lassen sich diese Überlegungen beobachten. Insbesondere das Sichtbarmachen des Ineinandergreifens der Dimensionen Raum und Zeit durch das Element der Bewegung ist das künstlerische Anliegen seiner Arbeiten, welches nicht unweit der von Calder liegt. Doch während Calder organischere, an Miró orientierte Formen verwendet, bevorzugt Ernst strenger geometrische Elemente. Die formale Strenge sollte jedoch nicht davon ablenken, dass seine Skulpturen dennoch einen spielerischen Charakter aufweisen. Denn die kinetischen Objekte laden qua ihrer Beschaffenheit schon zum Anfassen ein. So herrscht ein unmittelbarer Impuls sie zu berühren, die Dinge in Bewegung zu bringen. Der Spieltrieb, der zunächst nur als Betrachter wahrgenommenen Person, wird somit unweigerlich provoziert und ist, wenn das Objekt sich nicht an der freien Luft befindet, auch unabdingbar, um das Kunstwerk zu vollenden.
Neben diesen bewegungsaffinen, filigraneren Arbeiten stehen diejenigen Werke statuarischen Charakters, die hier durch die „Nexus“-Serie repräsentiert werden. Auch hier lohnt sich ein Blick in die Kunstgeschichte, um diese Werke besser einordnen zu können. So finden sich Anklänge an den spanischen Bildhauer Eduardo Chillida, der in seinen Objekten sich Stäbe verkanten und verschlingen lässt und so die Dynamik und den Widerstand des Werkstoffes Eisen wie kaum ein anderer vor ihm zutage fördert. Auch Ernst schafft es, seinen Objekten die Anmutung von Beweglichkeit zu entlocken, wenn er das Material Vierkantstahl in Form bringt und so Rundbogen, Schleifen, Verschlingungen oder auch Richtungswechsel hervorruft. Doch während Chillidas Stäbe in alle möglichen Richtungen vorstoßen und damit eine gewisse Unruhe evozieren, wirken die Elemente bei Ernst „klarer“. Zwar greift er Chillidas Bewegungen auf, es herrscht aber kein multipler Richtungswechsel. Vielmehr sind stringente Bewegungen vorherrschend, die harmonisch wirken und damit trotz ihrer Dynamik eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Auch die kinetischen Objekte sind - trotz ihrer möglichen Bewegung - ruhig. Nirgends herrscht Hektik, was seine Ursache in der Ausgewogenheit der Volumina hat, womit Michael Ernst eine ganz eigene Ausdrucksform findet. Auch der Umgang mit dem Material ist ein anderer, denn Michael ringt nicht mit ihm, sondern entlockt ihm weiche, ästhetisch ansprechende Formen. Die Widerständigkeit von Stahl ist hier völlig vergessen und tritt hinter fließende Rundungen, die sich willig in die Form begeben, zurück.
Während sich also in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts durchaus einige namhafte Positionen finden lassen, wenn es um den Umgang mit Eisen und Stahl geht, sieht es bei international bekannten Künstler:innen, die mit Porzellan arbeiten, dünner aus. Bekannt könnte das Duchamp zugeschriebene Objekt „Fountain“ sein, welches genau genommen jedoch „geschummelt“ ist, denn als Readymade war das Porzellanobjekt schon existent, bevor es überhaupt ein Kunstwerk war. In diesem Fall macht die Zuschreibung den Alltagsgegenstand erst zum Kunstwerk und nicht die Materialisierung an sich. Ein zweiter Name, der sich aufdrängt, ist Jeff Koons, der sich vor allem mit seinen Ballon-Figuren aus Porzellan ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Beide Künstler, so scheint es, haben jedoch auf das Werk von Cosima Göpfert, die 1981 in Apolda geboren wurde und ihre künstlerische Ausbildung an der Bauhaus Universität in Weimar absolviert hat, keinen übermäßigen Einfluss. Doch auch ihre Arbeiten schweben nicht im luftleeren Raum. Denn ihre Vorliebe für geometrische Systeme findet ohne Zweifel Anleihen in der konkreten Kunst, vor allem in Zusammenhang mit den Überlegungen des Schweizers Max Bill. Beredtes Beispiel dafür sind die Arbeiten der „Pulse“-Serie. Doch so gänzlich mag der Begriff der Konkreten Kunst nicht greifen, denn, so hat es Bill formuliert: „Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz.“ Zwar ist dies auch bei Cosima der Fall, da auch ihre Werke stets einem harmonischen Ordnungsprinzip folgen. Aber im Gegensatz zu den Konkreten, die sich auf das Zusammenspiel von Form und Farbe konzentrieren, also Farbe und wissenschaftliches Denken erforschen, belässt sie es nicht bei diesen Überlegungen, sondern begibt sich auf verschiedene Metaebenen, die ihre Basis in einem tief empfundenen Verständnis für die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst haben.
Vor über zehn Jahren habe ich einen Text zu Cosimas Porzellan-Barbie-Beinen geschrieben, in dem ich diese zum Anlass genommen habe, um auf die zunehmende Verunsicherung von Männern angesichts der weiblichen Emanzipation aufmerksam zu machen — im Nachhinein müssen diese Sätze durchaus als prophetisch bezeichnet werden, betrachtet man aktuelle Debatten um Feminismus, toxische Männlichkeit, Incels und dergleichen, die heute in erster Linie in den sozialen Medien geführt werden. Auch Cosima lässt dieses Thema nicht los. In der Arbeit mit dem Titel „Wie lieb von dir!“ von 2012 ragten die Beine noch aus einer Vase wie ein Strauß Blumen als Versinnbildlichung antiquierter Paarrituale. Dieses Symbol der ultimativen, wenngleich — da anatomisch unrealistisch — fragilen Weiblichkeit greift sie wiederholt auf, variiert es und versieht es so mit immer weiteren Deutungshorizonten. Da wäre etwa die Kugelform, aus der die Beine wie Stacheln herausragen und so an einen Corona-Virus erinnert oder die Form einer Halbkugel, die dank des Titels „Moulin Rouge“ Assoziationen eines hochgeworfenen Rocks einer Varieté-Vorstellung wecken. Doch ein erotisches Moment sucht man hier vergebens, denn unter dem Rock lugen nicht nur zwei, sondern eine Vielzahl an Beinen hervor, wodurch das lustvolle Spielen mit der weiblichen Sexualität des Cancans in Richtung Body Horror kippt. Denn wer will schon einer aufreizenden Tanzvorführung beiwohnen, in der uns die Tänzerin nicht nur eins sondern viel zu viele Körperteile entgegenstreckt? Wenn uns also Cosima den voyeuristisch genießerischen Blick am weiblichen Körper verdirbt, hat sie uns genau da, wo sie uns haben will: an der Schwelle zwischen dem humoristischen Blick auf gesellschaftliche Diskurse und der ernsthaften Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Verhältnissen. Denn diese überaus ästhetischen Beine sind dank ihrer Vielzahl und Anordnung durchaus als aggressiv zu werten — Schlagworte, wie weibliches Empowerment schießen unwillkürlich in den Kopf. Die „Waffe der Frau“ ist hier nicht als weiblicher Reiz zu begreifen, der darauf verwendet wird, Männer zu umgarnen, sondern verstanden als Zurückeroberung des weiblichen Körpers.
Ihr Engagement beschränkt sich jedoch nicht auf nur das Aufzeigen aktueller gesellschaftlicher Debatten. Mit ihrer Serie „kleine Brötchen und warme Semmeln“ geht sie noch einen Schritt weiter, indem sie einen Teil des Erlöses der verkauften Kunstwerke an gemeinnützige Organisationen spendet. Damit tritt sie in die Fußstapfen von Künstlern wie Joseph Beuys, der mit seiner „sozialen Plastik“ das Anliegen verfolgte, die Kunst aus der elitären, selbstbezogenen Ecke zu holen und ihr eine aktive gesellschaftliche Funktion zuwies.
Und wo befindet sich nun der gemeinsame Schmelzpunkt der beiden? Neben der unmittelbaren Lebenswirklichkeit ist es zu allererst die Konzentration auf Formen, die weniger dem Opulenten huldigen, denn einer minimalistisch, sachlichen Ästhetik. In den einfachen, gern geometrischen Elementen finden sich gegenseitige Anklänge, die nicht davon ablenken, dass Cosima und Michael über die letzten Jahre ein jeweils eigenständiges und originäres Ouevre hervorgebracht haben. Daher kann man in der gemeinsamen Präsentation der beiden von einem Schmelz“PUNKT“ im wahrsten Sinne des Wortes sprechen - also einer punktuellen Verschmelzung, die in der formalen Ausprägung der Werke stattfindet.
Beide nutzen in ihren Arbeiten Werkstoffe, die hohe Anforderungen an handwerkliche Geschicklichkeit und Präzision erfordern. Auch hierin liegt ein „Schmelzpunkt“.
Abgesehen davon ergibt sich in der räumlichen Gegenüberstellung ein wunderbarer Dialog der Werke. Während Michaels Stahlskulpturen rauh und massiv daherkommen, wirken Cosimas Werke überwiegend glatt und zart. In dieser Gegensätzlichkeit reiben sich beide Positionen aneinander. Und wir alle wissen, was durch Reibung entsteht: nämlich Hitze — womit sich ein weiterer Bogen schließen lässt. Denn genau diese wird dazu benötigt, um etwas zum Schmelzen zu bringen. Und mit diesen kleinen Gedankensprüngen möchte ich meine Ausführungen schließen und Sie in den angenehmen Teil des Abends entlassen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Manuela Dix
Katalogtext zur Ausstellung
NEXT GENERATION
Susanne Knorr, Kuratorin und Kunsthistorikerin der Erfurter Museen
Cosima Göpfert hat eine große Affinität zum Material Porzellan, dennoch finden sich in ihrem künstlerischen Schaffen verschiedene Schwerpunkte und Darstellungsformen: vom Wandbild über Installationen zu performativen Aktionen. Es gibt in ihrem Œuvre rein ästhetischformale
Arbeiten, die meisten der konzeptuellen Werke jedoch beziehen Position zu aktuell politischen Themen und gesellschaftlichen Fragenstellungen. Mit ihnen wirkt sie in die Gesellschaft hinein, fordert Beteiligung, gibt ironische Kommentare auf das Tagesgeschehen oder konterkariert das vermeintlich Schöne („Stepptees“, 2022 und „Moulin“, 2023, 2024).
Immer wieder arbeitet sie gegen das Vergessen. Beispielsweise das Vergessen, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschaft sehr wohl abgeben und teilen können und u. a. jede:r gegen den Hunger auf der Welt etwas tun kann („Kleine Brötchen, warme Semmeln“, 2021). Oder dass Hubert Aiwanger trotz der Flugblattaffäre im Amt blieb. Schultasche, Flugblätter sind Bestandteil einer Aktion auf dem Theaterplatz in Weimar („Blatt im Wind“, 2024). Bildlich gibt das Segeln der Flugblätter vom Balkon des DNT noch einen anderen Verweis, den auf eine Aktion der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose 1943 gegen das NS-Regime. Die „Fake-Infostele“ kann mit verschiedenen Informationen gespeist werden. Im Sommer 2024 waren auf ihr teilweise fiktive, teilweise tatsächliche Prognosen zur bevorstehenden Landtagswahl in Thüringen zu lesen. In der aktuellen Ausstellung stehen auf ihr (Fake-)Umfrageergebnisse zur Bundestagswahl am 23.2. Auch hier eine Erinnerung an unser demokratisches Recht und an Eigenverantwortlichkeit im Denken und Handeln eine:r:s jeder:n Einzelnen.
Zur Ausstellung im Deutschen Bundesrat
ABGESTIMMT
Cornelia Nowak, Kuratorin und Leiterin der Grafischen Sammlung des Angermuseums Erfurt
ABGESTIMMT
Cosima Göpfert und Michael Ernst im Weimarer Land
In der Verbindung von traditionellem Handwerk und bildender Kunst sehen Cosima Göpfert (*1981 Apolda) und Michael Ernst (*1973 Stolberg/Harz) den Nukleus ihres gemeinsamen, zugleich sehr eigenständigen Schaffens. Lebens- und Arbeitsmittelpunkt des Künstlerpaares ist das beschauliche, zwischen Erfurt und Weimar abseits der Hauptverkehrswege gelegene Dorf Bechstedtstraß im Westen des Landkreises Weimarer Land in Thüringen. Dessen Umgebung hatte einst Lyonel Feininger, Meister am 1919 gegründeten Staatlichen Bauhaus Weimar, solitäre interdisziplinäre Kunstschule von heutigem Weltrang, mit Fahrrad und Zeichenstift erkundet. Hier, am Rande des Ilmtales, entstand das Refugium der beiden Aussteller mit Atelier, Werkstatt und Galerie, ein Ort, der weithin als Begegnungsstätte für Künstler, Sammler und Interessierte geschätzt wird. Gleichwohl verhalfen sie der Dorfkirche im benachbarten Grundstück zu neuer Aufmerksamkeit und Relevanz, initiierten dessen kulturelle Wiederbelebung als Stätte des Miteinanders wie der inneren Einkehr. Künstlerische Kreativität sowie soziales und kulturelles Engagement verstehen beide als Teil einer Lebenswirklichkeit, die Fragen der Gegenwart engagiert zur Sprache bringt und den Diskurs über historische Ereignisse, soziale Umbrüche und kollektive wie individuelle Veränderungsprozesse nicht ausblendet. Dies begründet sich einerseits mit ihren jeweils ausgeprägten individuellen Dispositionen, andererseits durch den Bildungsweg. Er führte Cosima Göpfert an die Bauhaus Universität Weimar zum Studium der Freien Kunst und Michael Ernst zur autodidaktischen Ausbildung im Metallhandwerk, deren Wurzeln in der väterlichen Kunstschmiede liegen und in internationalen Werkstätten ihre Vollendung fand.
Im Lichthof des Bundesrates präsentieren Cosima Göpfert und Michael Ernst Ergebnisse ihres Schaffens aus jüngster Zeit: konzeptuelle Porzellanarbeiten und Metallskulpturen, die als diskursiv angelegtes, solitäres Gemeinschaftskunstwerk erhellende Einsichten erlaubt. Porzellan und Metall, deren Verwendung nicht nur in Thüringen eine lange Tradition hat, sind vielseitig eingesetzte Werkstoffe in Handwerk, Industrie und Forschung. Als stille Begleiter des Alltags sind sie Zeugen von Wohlstand, Kultur und Innovation, aber auch starker Veränderungen, ein Aspekt, den beide in ihren jeweils sehr unterschiedlichen Arbeitsansätzen integriert haben.
Cosima Göpfert folgt mit ihren Objekten und Installationen dem Konzept von Intervention und Umcodierung: materialbezogene Bedeutungszuschreibungen und Sehgewohnheiten werden in ihren Arbeiten radikal hinterfragt. Mit „Stepptease“ etwa, einem aus Barbiepuppen-Porzellanbeinen geformten, kugelförmigen Objekt, das nicht nur über den Tisch, sondern sinnbildhaft durch das Jahrhundert rollt, offenbaren sich Anspielungen auf Frauenbewegung und Arbeitswelt: Revuetänzerinnen etwa wurden bestaunt und zugleich verachtet. Ebenso drastisch verhandelt sie gegenwärtige Fragen zu Wohlstand und Versorgung. Ihre jüngste Arbeit, die raumgreifende Installation „Kleine Brötchen & warme Semmeln“ (2022), entstand in Auseinandersetzung mit globalen Fragen um Nahrungsmittelverschwendung und -knappheit. Wie selbstverständlich scheinen die im Raum schwebenden und auf dem Boden angehäuften kalkfarbenen Backwaren, produziert als Multiples im Porzellanwerk Kahla, verfügbar zu sein. Dem in Inhalt und Aussage verstörenden Kunstwerk liegt ein soziales Ansinnen zugrunde: ein Teil des Verkaufserlöses kommt dem Kinderhilfswerk zugute. Neben feministischen und humanitären Fragestellungen stehen strukturelle Exkurse im Fokus ihrer Arbeit. Sprudelnde Quellen (Serie „Pulse“), blühende Landschaften („Breeze“, 2020), Zellen und Parzellen („Cluster“) oder Verbindungen („Morse“) beschreibt die Künstlerin als sinnbildhafte Phänomene im Prozess realer Veränderungen.
Michael Ernst widmet sich in seinen am Vorbild der europäischen Moderne geschulten Metallskulpturen und kinetischen Objekten den klassischen Konstanten von Raum und Volumen, Form und Bewegung. Den Skulpturen der Gruppe „Nexus“ beispielsweise liegt der Gedanke des „Zusammenwachsens in Balance“ (Michael Ernst) zugrunde: unterschiedlich gebogene Stahlbarren fügen sich – dem Begriff ‚Nexus‘ folgend – zu ‚Verbindungen‘, zu homogenen, kraftvollen Objekten, ‚Gefügen‘ oder ‚Verknüpfungen‘. Das harte, aber biegsame Material zwingt zu Maß und Proportion. In seinen kinetischen Objekten, die als Großplastiken im Freigelände Aufstellung finden, wird dies augenscheinlich, denn eine unkalkulierbare Komponente, die Windkraft, wird zur Partnerin des Künstlers und löst jene sanften Schwingungen und Rotationen aus, die sich im Ergebnis als raumzeichnende Bewegungen unter freiem Himmel abzeichnen. Michael Ernst erschafft hierbei meditativ anmutende, gleichnishafte Kunstwerke, die als Visualisierungen von Kräfteverhältnissen und Veränderungsmöglichkeiten weite Beachtung gefunden haben.
Als der Weimarer Kunsthistoriker und Demokrat Edwin Redslob (von 1920 bis 1933 Kunstwart der Weimarer Republik) im Jahr 1972 seine Memoiren unter dem visionären Titel „Von Weimar nach Europa“ veröffentlichte, bestimmten starre Kräfteverhältnisse den Alltag der Menschen im damals geteilten Deutschland. Dass Cosima Göpfert und Michael Ernst mit ihrem Schaffen dazu beitragen können, dem europäischen Gedanken heute Kontur und Nachhaltigkeit zu verleihen, ist ein besonders wertvolles Ergebnis vergangener Jahrzehnte deutscher Geschichte. Das Motto der Thüringer Präsidentschaft „Zusammenwachsen um zusammen zu wachsen“ entspricht in wunderbarer Weise ihrem Selbstverständnis als Künstlerpaar. „Haltung zeigen, sich einmischen, positionieren und Verantwortung übernehmen“ – beide verstehen dies als Voraussetzung eines menschlichen Miteinanders, in dem die Freiheit der Kunst einen hohen Stellenwert hat.
Cornelia Nowak
Laudatio zur Ausstellung
BLATT + WERK
Dr. Cornelie Becker-Lamers, Freie Kulturwissenschaftlerin, Philosophin und Autorin
Galerie Profil, Weimar
Blatt + Werk. Stahlskulpturen von Michael Ernst und Porzellanarbeiten von Cosima Göpfert
Rede zur Eröffnung der Ausstellung
Liebe Elke, liebe Cosima und lieber Michael, meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Galerie Profil macht ab heute mit einer Thüringer Künstlerin bekannt, deren ja noch relativ junges Oeuvre schon jetzt nicht einfach auf den Begriff zu bringen ist. Das liegt nicht nur daran, daß Cosima Göpfert in ihren Werken verschiedene Schwerpunkte der Darstellungsform von Wandbild bis Installation und von rein ästhetisch-formalen bildnerischen Essays über die dezidierte Semantisierung (also Bedeutungsaufladung) von Bildern und Skulpturen bis hin wiederum zu deren ironischer Brechung ausschreitet. Es liegt auch daran, daß die Op Art, die Optical Art, unter deren Spiel mit Formen, Farben und vor allem mit dem Licht zweifellos einige der Arbeiten Cosima Göpferts zu subsummieren sind, daß also bereits das Genre der Op Art lange nicht auf den Begriff gebracht werden konnte.
Die Kunstrichtung kam Mitte der 50er Jahre auf, erhielt ihre Benennung aber erst im Zusammenhang mit einer Ausstellung Mitte der 60er Jahre im MoMA in New York, und sie erhielt ihre Benennung nicht durch Künstler selber, sondern durch einen Rezensenten ebendieser Ausstellung. Zuvor versuchte man entsprechende Werke mit Begriffen wie Konkrete Kunst, Kinetische Kunst oder Perceptual Art - also Kunst der Wahrnehmung - zu beschreiben. Zu Recht wurde bespöttelt, von "Optical Art" zu sprechen sei, wie wenn man von hörbarer Musik reden wolle. Bildende Kunst werde schließlich immer visuell wahrgenommen.
Das ist zweifellos richtig, verkennt aber natürlich dennoch radikal das besondere Erkenntnisinteresse der Op Art, die mit ihren optischen Täuschungen, mit Vexierbildern, Kippbildern und mit Farbwechseln, die die Darstellungen tatsächlich vor unseren Augen zum Flimmern bringen, die Werke in scheinbar echte Bewegung setzt. Mit dem einfachen Sehen ist es da in keinem Fall getan. Vielmehr geht es der Op Art um die Irritation und Erweiterung unserer Möglichkeiten zu sehen und wahrzunehmen. Sie kann dabei auf eine Tradition visueller Experimente zurückgreifen, die in der frühen Neuzeit in physikalischen Experimenten mit geschliffenen Linsen und Lichtbrechungen begann.
Das sei als Hintergrund, als allgemeine Reflexion vorausgeschickt, bevor wir jetzt auf einzelne Werke Cosima Göpferts eingehen. Eine Installation, die der Konzeptkunst zuzuordnen ist, können wir derzeit im Roten Turm der Orangerie von Schloß Belvedere anschauen: ein Haufen von Brötchen und Semmeln, die durch den Werkstoff Porzellan verfremdet, aber von der Form her eindeutig erkennbar sind. Ein Bild für unsere Überflußgesellschaft, die sogar Nahrungsmittel vernichtet. Ein künstlicher Berg, der abgetragen sein will, um aus dem Erlös Spenden an die Welthungerhilfe fließen zu lassen. Kunst also, die gesellschaftspolitisch Stellung bezieht, die sich einmischt und konkret in die soziale Umwelt hineinwirken will: Echte Spenden aus echter Kunst. All das präsentiert in einem Gebäude, das exemplarisch für eine herrschaftliche Zerstreuung durch Essen stehen kann, in einem Gebäude nämlich, das einst als Teehäuschen der Herzogin und ihrer Gäste diente.
Solcherart Einmischung ist im Werk Cosima Göpferts häufiger anzutreffen, mal deutlicher, mal versteckter und nur mit Hilfe zusätzlicher Informationen zu entschlüsseln. Denken Sie an "Zu 100 oder 1000". Die Arbeit zeigt eine Fläche, aus der dem Betrachter 36 geballte Männerfäuste entgegenschlagen. Die Kabelbinder, mit denen sie befestigt sind, wirken wie Stacheldraht. Aber die Fäuste sind aus Porzellan - also selber zerbrechlich. Und wenn man sie einzeln kauft, auch noch mit Konfetti gefüllt. Ein Werk, das uns als eindrucksvoller Auftritt begegnet und doch voller ironischer Brechungen steckt.
Man findet Spruchplatten im Werk Cosima Göpferts, in denen einfach ein hintergründiger Satz zur Wirkung kommt. Und man findet ebenso Geschriebenes, das zunächst allerdings einfach nur dekorativ aussieht: Sätze in Morseschrift, deren lange und kurze Töne durch längere und kürzere Ketten weißer Porzellanpünktchen dargestellt sind. Ohne Detektivarbeit nur zu entschlüsseln, wenn die Künstlerin dem Betrachter die Auflösung des Rätsels selber liefert, was in den Katalogen freilich geschieht.
Ob eine Arbeit von Cosima Göpfert also eine klare sprachliche Aussage verbirgt (die dann freilich auch noch verstanden und interpretiert sein will) oder ob sie der Augenweide oder auch der optischen Verwirrung dient, ist nicht allein aus dem einzelnen Werk zu erschließen. In der aktuellen Ausstellung überwiegen die nicht-semantisierten Arbeiten der optical art.
In seinem Schwarz-Weiß geradezu zitathaft führt "Vertigo" eine bekannte optische Täuschung vor. Durch die gleichsinnig gegeneinander verschobenen Waben scheint der Mittelpunkt des Bildes nach hinten oder innen zu entfliehen - ein perfektes Spiel mit unseren an der zentralperspektivischen Darstellungstradition geschulten Sehgewohnheiten.
Ebenso zitathaft, der Titel deutet es schon an, ist die "Hommage" konzipiert. Unverkennbar dahinter das Vorbild der Nagelbilder Günther Ueckers. Die "Hommage" - und da sind wir denn schon wieder bei einer Bedeutungsaufladung des Werkes - erschöpft sich aber erkennbar nicht in ihrer Anspielung auf Uecker. Denn das, was bei Uecker die Nägel sind, hat ja in der Arbeit Cosima Göpferts eine ganz spezielle Ausprägung. Es sind Gipsabformungen des Beins einer Barbiepuppe, die dann allein für dieses Werk schon hundertmal in Biskuitporzellan gegossen wurden (das Werk "Stepptease" fordert etwa fünfzig weitere). Die Hommage gilt also gleichermaßen der Barbie als Ikone, als Spielzeug, als trügerisches Rolemodel, als Filmstar - es gibt mindestens 20 verschiedene Barbiefilme zu durchaus klassischen Stoffen - als verbrecherisches Schönheitsideal der 'Generation Twiggy' und und und.
Mit den Beinen der Barbiepuppe arbeitet Cosima Göpfert bereits seit 10 Jahren. Denn schon 2012 entstand "Wie lieb von dir", eine Arbeit, die einen Blumenstrauß aus Barbiebeinen zeigt. Die Röcke sind die Blütenblätter, die Beine die Stempel der Blüten, wodurch der erotische Charakter von Frauenbeinen in den Vordergrund gerückt wird, der in der Hommage m.E. fehlt - es sei denn, man sieht in der Reihung der Beine auch noch eine Anspielung auf Revuevorstellungen der 1920er bis 1970er Jahre, in denen die Beine der Tänzerinnen eben auch durch ihre parallele Reihung inszeniert wurden.
Cosima Göpfert sagt, man kann das Werk interpretieren, muß es aber nicht - also bitte!
In den "Clustern" kommt ebenfalls ein klassisches Stilmittel der op art zum Tragen, nämlich die serielle Nutzung gleicher regelmäßiger Formen - in diesem Fall mehr oder weniger flacher mehrseitiger Pyramiden. Durch die Anordnung beginnt das Auge automatisch, größere Formen aus der Kleinteiligkeit zusammenzusetzen und so das Bild für den Betrachter zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Diese Strukturierung kommt aber nie an ein Ende, da die Anzahl der Kleinformen bei der Gruppierung nie aufgeht. Immer neue Blüten formieren sich vor unseren Augen und durch unser Gehirn, und sie nehmen zugleich der Nachbarblüte sozusagen Blätter wieder weg, indem die nächste Pyramide sich einer anderen von uns gedachten Form anschließt. Das Bild gerät in Bewegung. Die Anordnung hält es auf Dauer für unseren Blick lebendig. Ähnliches geschieht durch die Platingürtel auf jedem der 49 Porzellantellerchen von "Grid" - zu deutsch "Gitter".
Ganz zauberhaft mit Farben und Licht arbeiten "Shell" und "Buzzer". Die Werke bestehen aus von innen orangefarben angemalten, im einen Fall glasierten, im andern Fall unglasierten Parzellanhohlkörpern - kleinen Muscheln oder Halbkugeln. Das Licht, das seitlich in die Hohlkörper fällt - bei Tageslicht unvergleichlich gut möglich hier in der Galerie durch die langgestreckten Fenster direkt neben den Werken - das Licht erregt einen Widerschein der Farbe im Innern auf den freien Flächen zwischen den Porzellankörpern. Auch dies ein immerwährender Hingucker, ein Effekt, stets abhängig von Beleuchtung und Betrachterstandort, ein Werk, immer in Bewegung. Optical art.
Fast schon kinetisch ist die letzte Arbeit, auf die ich hinweisen möchte, und zwar "Breeze" - zu deutsch Brise oder Luftzug, Windstoß. Setzt nämlich ein Windstoß die gefalteten Porzellanscheiben in Bewegung, klingen einige aneinander. Das Werk gerät in Bewegung und macht dies auch hörbar. Mit "Shell" und "Buzzer" ist das Werk durch die Farbe verbunden: Im Innern der Porzellanhohlkörper der beiden Werke ist das Neonorange aufgebracht, das für "Breeze" den Hintergrund liefert.
Kommen wir zum Werk von Michael Ernst, der - anders als oben im Langhaus der Orangerie - hier nicht mit seinen kinetischen Werken, sondern mit Arbeiten der "Nexus"-Reihe und Wandbildern aus der Werkreihe der "Reflexionen" vertreten ist. Die "Reflexionen" sind Stahlplatten, aus denen mit dem Laser Formen herausgeschnitten wurden. Diese Formen sind dabei nicht irgendein Entwurf, sondern aus dem Werk Michael Ernsts selber abgeleitet. Die Vorlagen für den Laser sind computerbearbeitete, also vereinfachte und verdeutlichende Fotografien kinetischer Skulpturen von Michael Ernst - in diesem Fall der langgestreckten Skulptur "Brainfish". Durch das Aufbiegen der Stahlplatte, ihre farbliche Fassung auf der Innenseite und die Hinterlegung mit einem Spiegel macht aus den "Reflexionen" vielschichtige und faszinierende Wandbilder, die die Mehrdeutigkeit ihres Titels selber unterstreichen: Sie sind zum einen Selbstreflexionen des Oeuvres Michael Ernsts, denn sie selber reflektieren ja formale Möglichkeiten seiner kinetischen Skulpturen, sie reflektieren andererseits aber auch sich selber - der Spiegel wirft ja die rote Färbung zurück - und außerdem die Umwelt, indem sie immer auch Teile des Raums und im Fall dieser Hängung hier sogar andere Kunstwerke reflektieren: Von einem Punkt aus sieht man das schreiende Orange von "Breeze" in ihren Spiegeln.
Die Reihe "Nexus", von der wir hier sieben Werke sehen, nimmt uns mit immer neuen Essays zum Thema Material und Balance gefangen. Noch stärker als in den älteren Arbeiten der Reihe ist in diesen Werken die Beherrschung des Werkstoffs besonders frappant: Mit einem zweieinhalb Meter langen Hebel, der den Künstler zugleich vor der über 1000 Grad großen Hitze bewahrt, gelingt es Michael Ernst, die 4 cm dicken Stahlbarren in eine organische und gleichmäßige Rundung zu zwingen. Das Schmieden ist dabei wie immer eine Gratwanderung zwischen dem Verbrennen des Stahls und der Erstarrung des erkaltenden Werkstücks. In den Exemplaren von "Nexus" wird erkennbar - und für uns Betrachter doch eigentlich unglaublich - Materie bezwungen, wie man so schön sagt. Doch es ist der schaffende Mensch, der sich den Eigenheiten der Materie unterordnen muß, um sie beherrschen zu können. "Nexus" - das sind rhythmische Bewegungen im Raum. Der Inbegriff des Harten, das sprichwörtlich Stahlharte, wird in eine schmeichelnde Form gezwungen. Doch Nexus heißt auf lateinisch eigentlich Verknüpfung oder Verbindung. Der im Schmiedefeuer erhitzte Stahl wird zur Schleife gebogen, die Stahlbarren werden umeinandergeschlungen. Eine weitere Herausforderung stellt sich der Künstler mit der Balance der ganzen Skulptur auf den Ecken zweier Barren. In ihrer horizontalen Ausrichtung werden die verschlungenen Barren der "Nexus"-Reihe zum Sinnbild des Ausgleichs und einer immer gefährdeten Stabilität ausgeglichener Waagschalen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar
ABGESCHMINKT
Philipp Schreiner, M.A. Kunstwissenschaftler
Manifestationen in Porzellan – Cosima Göpferts Op-Art-Reliefs
„Die bedeutende handwerkliche und künstlerische Tradition des ‚Weißen Goldes‘ ist ja zu Ende des letzten Jahrhunderts durch die Verführung zur dekorativen Glätte und die kunstgewerbliche Verniedlichung in Verruf geraten, so daß sich bekannte Künstler nicht mehr mit diesem anspruchsvollen Werkstoff eingelassen haben.“, schrieb Arnold Bode, Begründer der documenta, in dem 1968 erschienen Band zur Ausstellung „ars porcellana. die rosenthal relief reihe“ im Kölnischen Kunstverein. Auf Bodes Anregung hin, entstand ab 1964 eine Reihe von Reliefs in Porzellan, die von den wichtigsten Künstlern jener Zeit gestaltetet wurden, darunter Henry Moore, Lucio Fontana, Victor Vasarely, Günther Uecker und Almir Mavignier. Ohne den Firmeninhaber Philip Rosenthal, der eine ganze Abteilung innerhalb der Produktionsstätten von Rosenthal Porzellan in Selb für die Herstellung der Reliefs bereitstellte, wäre dieses Unterfangen undenkbar gewesen.
Als sich Cosima Göpfert im Herbst 2018 für das Landesstipendium Bildende Kunst der Kulturstiftung Thüringen mit der SV SparkassenVersicherung bewarb, stellte ihr keine der Porzellanmanufakturen in Thüringen die eigenen Produktionsstätten zur Mitbenutzung in Aussicht. Dabei arbeitet die Künstlerin schon seit 2012 selbstständig mit Porzellan und vertieft dies seit 2016 in einem Werkzyklus von Porzellanreliefs. „Auf Grundlage meiner in den vergangenen Jahren entstanden Wandobjekte plane ich weiterführende Arbeiten, die sich ebenfalls aus wiederkehrenden Porzellanelementen zusammensetzen. […] Da die Herstellung der erforderlichen Stückzahlen von Porzellanelementen für größere Dimensionen in meinem Atelier nicht realisierbar ist, wird eine Zusammenarbeit mit erfahrenen Manufakturen, wie Weimar Porzellan oder KAHLA Porzellan, erforderlich. Eine erfolgreiche Kooperation würde mir auch bei zukünftigen Projekten nützlich sein. Das Stipendium möchte ich hierfür einsetzen“, formulierte Göpfert ihre Motivation in der Bewerbung für das Landesstipendium.
Dass es zu Beginn des Jahres 2020 tatsächlich zu einer Kooperation zwischen der Künstlerin und KAHLA Porzellan gekommen ist, erweist sich als wahrer Glücksfall. Göpfert konnte die nötigen Teile für die Arbeit ZU 100 ODER 1000 im Werk von KAHLA glasieren und brennen lassen, außerdem mit Hilfe der Experten in der Entwicklerwerkstatt von KAHLA Porzellan Modelle für spätere Abgüsse fertigen. Es ist ein Projekt, das sich nicht nur in die Traditionslinie einer in der Nachkriegszeit erneut etablierten Zusammenarbeit von Porzellanindustrie und Kunstschaffenden einreiht, sondern auch auf die lange Geschichte des Porzellans in Thüringen seit dem 18. Jahrhundert verweist.
Die Mitwirkung der Industrie verändert die Herstellung der Porzellanreliefs erheblich. Ist es doch ein enormer Unterschied, ob die Kunstwerke unter den einfachen Bedingungen im eigenen Atelier oder unter den optimalen technischen Gegebenheiten einer Porzellanmanufaktur gefertigt werden.
Cosima Göpferts Brennofen ist circa 70 Zentimeter hoch und verfügt über einen Durchmesser von etwa 40 Zentimetern. Er steht in ihrem beengten Gartenhäuschen in ihrem Wohnort Bechstedtstraß. Der Ofen erzeugt eine maximale Brenntemperatur von 1.300 Grad Celsius. Nur wenige von Göpferts Porzellanfäusten lassen sich gleichzeitig darin brennen. Die Brennöfen der Porzellanmanufaktur KAHLA sind jeweils mehrere Meter hoch und breit. Sie entwickeln ohne Probleme eine Brenntemperatur von 1.400 Grad Celsius. In ihnen fanden reichlich 40 Fäuste auf einmal Platz. Im Vergleich fallen jedoch nicht nur quantitative Produktionsunterschiede zu buche, denn: Die Brenntemperatur bei der Fertigung von Porzellan entscheidet über das unvermeidliche Schrumpfen der Abgüsse und die Farbnuancen der Glasur. Der übliche Größenverlust zwischen Originalform und Abguss im Brand schwankt zwischen einem Sechstel bis zu einem Siebentel. Niedrigere Temperaturen führen zu cremefarbenen, weniger geschrumpften Resultaten, höhere Temperaturen lassen die Porzellangebilde dagegen etwas stärker geschrumpft, jedoch in strahlendem Weiß aus dem Ofen kommen. Feinheiten, die die Herausforderungen im Umgang mit dem Material deutlich machen und handwerkliche Versiertheit, gute Planung und Genauigkeit erfordern.
PORZELLANRELIEFS
Porzellan ist ein sehr harter und dichter Werkstoff, der gegenüber chemischen Einflüssen der Atmosphäre resistent ist. Er verändert sein Aussehen auch nach langer Zeit im Freien nicht, ist vollkommen witterungsfest. Durch den Einsatz mehrmals verwendbarer Gipsformen in der Herstellung ist Porzellan besonders gut für die Vervielfältigung geeignet. Die Formgenese erfolgt in mehreren Schritten: Herstellung eines Modells, der sogenannten Originalform, Überführung in eine Gipsform, von der ein Abguss hergestellt wird (zumeist in hoher Stückzahl). Dieser erhält im Glühbrand bei 1.000 Grad Celsius die nötige Festigkeit, um anschließend glasiert zu werden. Die aufgetragene Glasur verbindet sich bei 1.400 Grad Celsius untrennbar mit der Abgussform. Farben und eventuelle Überzüge in Platin oder Gold werden aufgedruckt oder mit dem Pinsel aufgebracht und in einem dritten Brand bei 750 bis 850 Grad Celsius in die Glasur eingebrannt.
Cosima Göpferts Werkreihe der Porzellanreliefs unterliegt einer systematischen Ordnung sich seriell wiederholender Formen. Die Grundlage bildet stets eine matt-schwarz pigmentierte Holzfaserplatte, auf der sie reliefartig mehr oder weniger tief in den Raum ragende Porzellanelemente aufbringt. Die Überwindung der Fläche und das Vordringen in den dreidimensionalen Betrachterraum ist ein Hauptmerkmal der objekthaften Reliefs von Göpfert. Pro Arbeit findet immer nur eine einzige Porzellanform repetitiv Verwendung – teilweise bis zu einhundert Mal.
Über das Jahr 2019 hinweg entstand mittels des Stipendiums ein erweitertes Formenrepertoire, das Göpferts bisherige Kompositionen um zahlreiche Varianten ergänzt und neue Impulse in ihrer Reihe der Porzellanreliefs setzt. Nach den bekannten Rauten, Halbkugeln, stilisierten S-Formen, V-Formen, Barbiebeinen und Männerfäusten werden nun Pyramiden, Kugeln, Kegel, Schalen, Ringe und Scheiben spielerisch und frei eingesetzt oder streng konzeptuell verbaut. Ersteres lässt sich nachvollziehen anhand der kleinen Serie mit dem Titel PULSE, in der die Künstlerin Porzellankugeln unterschiedlicher Größen in einer Streukomposition auf kreisförmigem, schwarzem Grund frei anordnet. In ihren WABEN hingegen dominiert eine rigide Ordnung, die einem genauen Muster folgt. Mit Platin überfasste Schälchen im Zentrum werden umringt von wabenförmigen Reihen aus platinierten und nicht platinierten Schalen, die sich abwechselnd und konzentrisch bis zum Rand der Holzplatte fortsetzen.
OP-ART
Op-Art steht für eine gegenstandslose, konstruktive Kunst, die sich Mitte der 1950er Jahre etablierte und durch optische Täuschungen bestimmte Effekte, wie illusionistische Bewegungen und Raumwirkungen, erzielt. Diese Wirkungen beruhen auf der Trägheit beziehungsweise mangelnden Auflösungsfähigkeit des menschlichen Sehapparates, also der binokular angeordneten Augen und der Bildverarbeitung im Sehzentrum des Gehirns. So werden durch die spezielle Beschaffenheit der Bilder, Reliefs und Skulpturen gezielt Flimmereffekte erzeugt. Zumeist entbehren diese Kunstwerke einer persönlichen Handschrift der Künstlerinnen und Künstler, denn sie werden häufig maschinell, teils auch industriell hergestellt oder aus der Vervielfältigung von Einzelelementen konstruiert.
In der Arbeit PYRAMIDE reiht Göpfert auf einem schwarzen Sechseck dreiseitige Porzellanpyramiden aneinander, die sie, abwechselnd auf einer der drei Seiten liegend oder auf einem der drei Winkel stehend, in geringem Abstand zueinander auf der Platte montiert. Der daraus resultierende Verbund an Porzellanpyramiden ermöglicht diverse Lesarten, die sich je nach Fokussierung des Blicks auf einzelne Flächen der Pyramidenelemente oder auf elementübergreifende Formen ergeben. Im Detail erscheint jede Einzelform als dreiteilig gegliedert: drei gleichschenklige Dreieckflächen, die, bedingt durch Licht und Schatten, in drei verschiedenen Graustufen erscheinen. Richtet man den Blick auf das Gesamtbild, formieren sich zweidimensionale Rauten und sogar Illusionen von dreidimensionalen Würfeln. Deren plastische Modulation wird unterstrichen durch das Hell-Dunkelspiel der kleinen Pyramidenseitenflächen, wodurch der Blick verführt wird, weiteren Formen nachzugehen, die sich zwangsläufig unter die Hauptelemente von Würfeln und Rauten drängen.
In nochmals gesteigerter Form finden sich diese optischen Phänomene in der Arbeit WABE III. Die wiederkehrenden, kleiner werdenden und in sich gedrehten Sechseckformen erzeugen im Betrachter das, was weithin unter dem Begriff Vertigo-Effekt in die Kulturgeschichte eingegangen ist. Er löst Schwindelgefühle aus, als ob der Boden unter den Füßen ins Wanken gerät.
MANIFESTATIONEN IN PORZELLAN
Ein neues Konzept innerhalb Cosima Göpferts Œuvre beinhaltet – über die manuelle Herstellung selbst entworfener Einzelteile hinaus – die Verwendung vorgefundener, industriell gefertigter Porzellanprodukte für den alltäglichen Gebrauch. Durch serielle Reihung und künstlerische Aneignung verlieren diese Produkte ihren ursprünglichen Kontext. Einerseits werden sie der Waren- und Konsumwelt entzogen, der praktische Gebrauch im Haushalt weicht dem kommunikativen Gebrauch im Kunstbetrieb, anderseits werden sie dem Kunstmarkt und somit neuen Verkaufsmechanismen ausgesetzt.
Die Arbeit ZU 100 ODER 1000, auf der 36 Porzellannachbildungen einer linken Männerfaust mit Kabelbindern montiert wurden, entfaltet ihre subversive Schlagweite (im metaphorischen Sinn) auf ganz andere Weise. Die politische Kraft der Gemeinschaft, die Kraft der Einhundert oder gar Tausend, wird hier konterkariert durch die Zerbrechlichkeit und Fragilität des Materials, aus dem die Fäuste bestehen. Hingegen dominieren in den einzeln präsentierten Männerfäusten, betitelt mit ES IRRT DER MENSCH ... (2017, 2020) und befüllt mit Konfetti, deutlich Ironie und Humor.
Der Porzellanzyklus der gebürtigen Thüringerin besticht sowohl durch die intensive Auseinandersetzung mit maschinell und manuell hergestellten, seriellen Formen, die geistig-konstruktive Erarbeitung der Kompositionen, als auch durch ihr Interesse am Zeitgeschehen. In der gesellschaftskritischen Haltung – nicht plakativ hervortretend, sondern über die ironische Brechung von Bedeutungen sichtbar gemacht – und der Aktualisierung von Mitteln und Methoden der OP-Art spiegeln sich unverwechselbar ihre Interessen als Mensch und Künstlerin wider. In ihrer Aneignung und Neuinterpretation des kulturhistorisch so bedeutsamen Materials Porzellan werden sie manifest.
1 Arnold Bode: ars porcellana. rosenthal relief reihe, in: Ausst.-Kat. „ars porcellana. rosenthal relief reihe“
(6.9.–6.10.1968, Kölnischer Kunstverein), hrsg. von Kölnischer Kunstverein e.V., Köln 1968, S. 5.
ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß
Philipp Schreiner, M.A. Kunstwissenschaftler | 2018
Zwischen Parallelität und Symbiose von Material und Konzept
Cosima Göpfert wandelt seit jeher auf unterschiedlichen künstlerischen Pfaden. Mal mehr und mal weniger weit voneinander entfernt, führt der eine entlang einer stark konzeptuell und damit entmaterialisierten Kunst, wie sie sich in ihren Interventionen, Installationen und Aktionen (WUNSCH- BRUNNEN, 2010; DAS KUNSTKARTELL, 2011; WERTZUWACHS DURCH WERTVERSATZ, 2014) manifestiert. Parallel dazu bildet ein handwerklich fundierter Umgang mit Material und Werkstoffen stets eine Art Ausgleichspfad. Nicht selten jedoch verlaufen diese Wege sehr eng beieinander, kreuzen sich vielleicht, denn Material und Konzept bilden in Göpferts Œuvre eine untrennbare Einheit (DER STEIN DER WEISEN, 2012; KAPITALISMUS, 2015; ES IRRT DER MENSCH …, 2017). Aktuell bewegt sie sich mit Vorliebe auf der Seite des Dynamisch-Visuellen, des Konkret-Konstruktiven, ohne dabei vollkommen den Blick für die andere, die konzeptuelle Seite zu verlieren.
Als Schnittstelle dieser Betätigungsfelder fungiert die Serie MORS FROM MARS (2015−2017). Hier treffen die intensive Auseinandersetzung mit manuell hergestellten, seriellen Formen, die durchgängig vorhandene geistig-intellektuelle Ebene in Göpferts Arbeiten, als auch ihr Interesse für Politik und Zeitgeschehen aufeinander. Die jeweils quadratischen Tafeln zeigen horizontal und rechtsbündig aufgebrachte, runde Plättchen. Die matt-weißen Porzellanscheiben ziehen sich in mehreren Reihen über den zwischen Blau und Hellblau abgestuften Hintergrund. Die Kombination aus Weiß und Blau ruft automatisch erste Assoziationen eines Wolkenbildes, einer Himmelsdarstellung hervor. Der zweite Blick macht die strenge Formation der vermeintlichen Wettererscheinungen deutlich und löst die Wolkenassoziation schnell in Luft auf. Es gilt hier ein System, das mittlerweile veraltet und überholt erscheint, zu erkennen und zu entschlüsseln. Der Werktitel räumt ein, dass es sich um die Morsespra- che handelt, dass das Dargestellte ein Zeichensystem, eine Botschaft ist. Mit MORS FROM MARS thematisiert die Künstlerin gegenwärtige politische Ereignisse, wie die Überwachsungsproblematik durch multimediale Kommunikationsmittel im 21. Jahrhundert.
CLUSTER und GROBE MASCHE – Die visuelle Dynamik konstruktiver Einheiten
Seit 2016 erarbeitet Cosima Göpfert objekthafte Bildtafeln, deren Gestaltungsmittel der systematischen Ordnung sich wiederholender serieller Formen unterliegen. Die Grundlage bildet stets eine quadratische, in mattem Schwarz pigmentierte Holzfaserplatte, auf der sie reliefartig, mehr oder weniger tief in den Raum ragende, Porzellanelemente aufbringt. Pro Arbeit ist es immer nur eine einzige Form, die repetitive Verwendung findet – teilweise bis zu hundertmal. Die manuell hergestellten Einzelteile werden von der Künstlerin selbst ent- worfen, gegossen, gebrannt und, in manchen Fällen, glasiert. Der Helligkeitsgrad ihrer Erzeugnisse variiert jedoch gegenüber weiß strahlendem Haushaltsporzellan. Göpfert beeinflusst sehr bewusst den Brennprozess und senkt die Temperatur ihres Ofens auf 1300 anstatt der üblichen 1400 Grad Celsius. Folglich erscheinen die Teile in einem zarten Creme-Ton, der sich dem gewöhnlichen Alltagsweiß der Gebrauchsgegenstände entsagt.
Für ihre Arbeiten CLUSTER verzichtet die Künstlerin auf die Glasur der Porzellanstücke. Streng geordnet sind die rautenförmigen Biskuits (so wird unglasiertes Porzellan bezeichnet) auf schwarzem Grund befestigt. Die Rauten sind nicht flach, sondern ragen leicht pyramidenartig in die Tiefe und öffnen somit das „Bild“ hin zum Raum. Diese Überwindung der Fläche und das Eindringen von Göpferts Tafeln in den realen, in den dreidimensionalen Betrachterraum, ist ein Hauptmerkmal dieser Werk- gruppe. Dem aufmerksamen Beobachter eröffnen sich Würfel, zusammengesetzt aus drei Rauten für je eine Seitenfläche der illusionistisch-körperhaften Erscheinung; an anderer Stelle setzen sich sechs zueinanderstehende Biskuits zu einem Sterngebilde zusammen. Deren plastische Modulation wird rege unterstrichen durch das Hell-Dunkel-Spiel der kleinen Pyramiden-Seitenflächen, wodurch der Blick verführt wird, mannigfach weiteren Formen nachzugeben, die sich zwangsläufig unter die Hauptelemente von Würfeln und Sternen drän- gen. Die Rautenformen zerfallen in Dreiecke differenziertester Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Die Ordnung des Gesamtkonstrukts weicht auf, vorher kaum geahnte Binnenformen überwinden die schmalen schwarzen Stege, die aus dem matt-schwarzen Hintergrund unauffällig, aber als unabdingbarer Teil des Formgeflechts, zwischen den Keramikrauten in den Vordergrund drängen. Aufgeregt unterliegt das Auge den variierenden Formen und Graustufen, verfolgt es die visuelle Dynamik dieser konstruktiven Einheiten.
Die Reliefs präsentieren sich in einem strukturierten Gewimmel gleichen Prinzips, aber unter veränderter Einzelformverwendung. Glasierte Versatzstücke ähneln einer stilisierten S-Form, die sich eng aneinander liegend in scheinbar klaren Linien horizontal und vertikal auf dem dunklen Untergrund verteilen. Die Summe der Teile macht es beinahe unmöglich, den Fokus auf diesem Ordnungsraster ruhig verweilen zu lassen. Zu groß sind die Wechselwirkungen zwischen schwarzem Hintergrund und weißen Objekten, zwischen schwarzen Windmühlen und den bauchig-geschwungenen Linien des glänzenden Porzellans. Diese serielle Wie- derholung der Materialstücke erzeugt einen neuen, einen eigenen Kontext, innerhalb dessen das Material selbst zum Bildthema wird 1 .
Cosima Göpferts Ansatz, das gleiche Materialstück seriell innerhalb einer Bildtafel in Rastern anzuordnen, findet man in ähnlicher Manier bei dem deutschen Künstler Peter Roehr, der in den 1960er Jahren mit industriell gefertigten Etiketten experimentierte, die er gleichmäßig geordnet nebeneinander klebte. Diese konstruktiven Arbeiten auf Papier bezeichnete er als „Montagen“ 2 . Im Aufbau gleichen sie den Objekten von Cosima Göpfert, bleiben aber der Zweidimensionalität verhaftet, optische Täuschungen oder visuelle Phänomene sind ihnen daher auch nur wenig inhärent. Wo Roehr auf der Fläche, auf dem Papier bleibt, dringt Göpfert weit in den realen Raum ein und erzeugt optische Effekte, die sich in einem visuellen Dialog mit dem Betrachter entfalten. Dass Göpferts All-Over-Strukturen auf eigens gefertigten und entworfenen Materialstü- cke basieren, unterstreicht die Unterschiedlichkeit in Wirkungsabsicht und Intension.
Den Sehprozess dazu zu zwingen, über die Grenzen einzelner Formen hinauszugehen, etablierte sich in der Kunst des Konstruktivismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Vertreter wie Piet Mondrian und Theo van Doesburg erzeugten Bewegung und Dramatik, indem sie einfache geometrische Formen und Flächen einander zuordneten, gegenüberstellten, kombinierten. Das inhaltliche Geschehen der Bilder vollzog sich nun nicht mehr im Werk, sondern im Betrachter. 3 Dieses optische Spiel, die Vieldeutigkeit des Bildgeschehens, wie es sich gleichfalls in Cosima Göpferts Werken zeigt, sind Eigenschaften einer Kunstrichtung, die sich der anfänglichen konstruktiven Errungenschaften annahm, diese weiterführte, um sich ausschließlich mit visuellen Phänomenen zu beschäftigen: Mit der Op-Art etablierte sich in der Mitte der 1950er Jahre eine non-figurative, konstruktive Kunst, die sich diese optischen Täuschungen zu eigen machte und versuchte mit einfachsten Mitteln illusionistische Bewegungen und Raumwirkungen zu erzielen. 4 Nennenswerte Produzenten in diesem Sinne entstandener visuell-vibrierender Konstruktionen und täuschender Kippbilder waren François Morellet und Victor Vasarely. Letzterer spielte oft und gern mit dem Motiv des Würfels, den er poppig-neonfarben immer wieder neu inszenierte.
HOMMAGE – Mit Popkultur den Nagel auf den Kopf treffen
100 Barbie-Beine, vom Oberschenkel bis zur Fußspitze aus Porzellan, unglasiert, montiert auf schwarzem Quadrat sind auf das Gegenüber gerichtet. Eindrucksvoll und gleichzeitig bedrohlich wird man mit ihnen konfrontiert. Einzeln wirken sie harmlos, als serielle Entität ein wenig beängstigend, wie Pfeilspitzen, die in ihrem Flug gerade noch rechtzeitig festgehalten wurden. Der Moment der Konfrontation ist geprägt von großer Dynamik – die der innerbildlichen Struktur und der im realen Raum. Versuche den Kopf links oder rechts der vermeintlichen Bedrohung zu entziehen verlaufen im Nichts, offerieren hingegen Erfahrungen, die im klassischen Tafelbild nie, im Bereich der Skulptur durchaus gegeben sind: Die Veränderung der Betrachterposition ist verbunden mit Veränderungen der Ansicht und damit der Form, der Erscheinung – Bewegung herrscht im Innen wie im Außen. Für Göpfert stellt HOMMAGE eine vielseitige Huldigung dar: Einerseits ist es ein noch immer lebendiges, aber umstrittenes Relikt der Popkultur (1959 wurde die Puppe erstmals auf der American Toy Fair in New York präsentiert). Andererseits versteht die Künstlerin ihr Wandobjekt als Hommage an die Frau an sich. Künstlerische Inspiration hingegen, und gleichzeitig eine weitere Huldigung, gilt den berühmten Nagelbildern Günther Ueckers. Göpferts Barbie-Beine funktionieren in einer Weise ähnlich zu diesen, indem sie „dem Betrachter aktiv und oft sogar aggressiv entgegen“ kommen: „[…] sie erweitern die Oberfläche materiell in den Raum hinein und erzeugen expressive, starre oder bewegte Strukturen“ 5 . Die Keramikmontagen als auch die Nagelbilder leben von ihren Materialpräsenzen und von Grenzüberschreitungen hinsichtlich eines klassischen Bildbegriffs. Als konstruktive Wandobjekte lassen sie sich vielleicht verallgemeinern. Ohnehin changieren sie irgendwo zwischen Op-Art, Konkreter Kunst und Montage. Doch beim Versuch sie zu greifen, helfen zumindest die etablierten Kategorien nur bedingt.
Ob CLUSTER, GROBE MASCHE oder HOMMAGE, die Strukturen und Raster in dieser konstruktiven Werkgruppe der noch jungen Künstlerin, verleiten den Blick zu immer neuen Kombinationen, zu immer neuen Formen und evozieren visuelle Phänomene, denen sich der Betrachter hin- gezogen fühlt. Wenngleich, und dies ist vielmehr als Qualität, denn als Reduktion zu verstehen: „All diese ‚Figuren‘ bleiben flüchtige Hilfskonstruktionen bei dem Versuch, die unerbittliche Gleichförmigkeit zu überwinden, zu der sie sich alle wieder auflösen.“ 6
ES IRRT DER MENSCH … (2017)
Eine der aktuellsten Arbeiten Cosima Göpferts vermag den eingangs erwähnten Wandel zwischen den Wegen, den Wandel zwischen den Disziplinen, wieder mehr auf den Pfad des Konzepts zu führen: Auf einem Sockel mit schwarzer Holzplatte ragen drei identische Unterarme samt geballten Fäusten in die Luft. Auf ihrer Hülle aus glasiertem Porzellan bricht sich das Licht, werfen Fingerglieder Schatten, glänzen sie wie Pokale. Nur die Kraft dieser kanonischen Geste erhebt sie über ihr Anwärterdasein für den Trophäenschrank. Das Symbol ist stärker als die Form selbst, die Idee gewinnt überhand gegen das Material. Die Diskrepanz, das Spannungsverhältnis zwischen schönem Schein und Realität, offenbaren und verbergen sich gleichermaßen im Material. Witz und Ironie halten Einzug. Die Ambivalenz zwischen der Zerbrechlichkeit des Seins und der Widerstandskraft einer Geste geb(r)annt in Fäusten aus Porzellan – und Konfetti für die Feier danach. (Wohlgemerkt, handelt es sich hier um die linke Hand, die zur Faust geballt wird.)
Dieses spielerisch-humoristische Element spricht aus vielen Arbeiten der Künstlerin. Sei es die Nachbildung eines der bekanntesten Handgranaten-Modelle, der MK2, aus Porzellan, gefüllt mit Lachgas (HGR-E942 / DER KRIEG, 2012) oder ein essbares Denkmal für einen Wolkenkratzer in Jena, aus Keks und Zuckerguss (VENUS DES OSTENS, 2013).
Die Arbeiten von Cosima Göpfert schöpfen ihren Gehalt aus den unterschiedlichen Wegen, aus den verschiedenen Ebenen ihrer Kunst. Im Spannungsfeld von Parallelität und Symbiose zwischen Material und Konzept entstehen intellektuelle und formale Vibrationen. Die geistige wie visuelle Ambiguität ihrer Werke zeugen, neben deren handwerklich fundierter Fertigung, von großer Qualität. Unabhängig davon, welchen historischen, zeitgeschichtlichen oder politischen Themen die gebürtige Thüringerin sich künftig widmen wird, ihre künstlerischen Ideen wird sie weiterhin nicht ohne das passende Material entwickeln.
1 Meike Boldt: Wann ist ein Bild ein Bild? Materialsprache und Bildphilosophie in den Werken von Imi
Knoebel und Peter Roehr, in: Serielle Materialität. Imi Knoebel und Peter Roehr, Ausst.-Kat. hrsg. von
Babett Forster/ Claudia Tittel, Jena 2013, S. 16.
2 Vgl. Serielle Materialität. Imi Knoebel und Peter Roehr, Ausst.-Kat. hrsg. von Babett Forster/ Claudia Tittel,
Jena 2013.
3 Ebd.,S.92/93.
4 Markus Stegmann/ René Zey: Lexikon der Modernen Kunst. Techniken und Stile, Hamburg 2007, S. 113.
5 Marlene Husung: Günther Uecker, in: AUFBRUCH. Malerei und realer Raum, Ausst.-Kat. hrsg. von
Alexander und Silke von Berswordt-Wallrabe/ Britta E. Buhlmann/ Erich Franz, Heidelberg 2011, S. 170.
6 Erich Franz: Malerei und realer Raum, in: AUFBRUCH. Malerei und realer Raum, Ausst.-Kat. hrsg. von
Alexander und Silke von Berswordt-Wallrabe/ Britta E. Buhlmann/ Erich Franz, Heidelberg 2011, S. 19.
Eröffnungsrede der gleichnamigen Ausstellung auf Burg Ranis
THE OTHER SIDE
Manuela Dix, M.A. Kunsthistorikerin | 2016
Guten Abend meine Damen und Herren,
ich freue mich nun schon zum zweiten Mal die Ausstellung im Rahmen der Literaturtage auf der Burg Ranis eröffnen zu dürfen und das mit einer Künstlerin, deren Werk nicht nur – wie man so schön sagt – „erfrischend anders“ ist, sondern mich immer wieder aufs Neue fasziniert und mich neue Arbeiten stets mit Spannung erwarten lassen. Das künstlerische Schaffen von Cosima Göpfert ist meines Erachtens einzigartig in der Thüringer Kunstlandschaft und zeichnet sich durch Originalität, Witz und eine ganz eigene Ästhetik aus.
Auf der anderen Seite hätte sicher der ein oder andere Mann nichts gegen eine solche Aufmerksamkeit – ein Dutzend langer schlanker Damenbeine, gehüllt in adrette Kleidung. Es gibt für einen Mann sicher schlimmeres! Und genau hier beginnt das Dilemma zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Während die Frau diese Geste bereits als Beleidigung auffassen könnte, führt sie beim Mann möglicherweise zur Verzückung. Jedoch ist die Reduzierung der Frau auf ein paar Beine Symbol eines überholten, chauvinistischen Denkens – wenn vielleicht auch heimliche Männerfantasie, was die Arbeit „Wie lieb von dir!“ schließlich zum sinnfälligen Ausdruck der aktuellen Verunsicherung beider Geschlechter zwischen Tradition und Emanzipation erhebt.
Ähnlich wie das Nachdenken über längst hinfällige Schönheitsideale sollte auch die Existenz kriegerischer Auseinandersetzungen in unserer heutigen zivilisierten Welt eigentlich zu einem Relikt geworden sein, das man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Momentan ist das Thema Krieg, wenn vielleicht auch anders genannt, aktueller denn je. Ein Krisenherd tut sich neben dem nächsten auf und es scheint kein Ende in Sicht – Da stellt sich doch die Frage, ob der Krieg zum Menschen dazu gehört. Ist er also Teil des menschlichen Wesens? Damit hat sich Cosima in ihrer Diplomarbeit im Jahr 2012 auseinandergesetzt und im Zuge dessen mit dem Porzellan-Objekt „HGr-E942“ einen sarkastischen Kommentar geschaffen – eine Handgranate aus einem glänzenden, edlen Material, das sofort das Auge anspricht und daher ein wunderbares Deko-Objekt abgeben würde, wäre da nicht dieser lästige Kriegskontext – und so jongliert Cosima ganz locker und ungeniert mit den verschiedenen Widersprüchen, welche die Granate in sich vereint: Ästhetik versus Symbolkraft, Zerstörungspotential der Waffe kontra Fragilität des Materials. Dies alles vereint sie spielerisch in einem Objekt nicht ohne abschließende Pointe, wenn der Betrachter erfährt, dass sich in der Granate Lachgas befindet, das wiederum eine völlig konträre Wirkung zu der der echten Handgranate entfaltet. Jedoch gibt es einen Wermutstropfen: wollte man in den Genuss kommen, das Lachgas erfahrbar zu machen, zöge dies die Zerstörung des wunderschönen Deko-Objektes nach sich.
Das Thema der Handgranate lässt Cosima nicht los – sind doch ihre Granaten mittlerweile so etwas wie ein Maskottchen geworden. 2014 folgt mit der Emaille-Arbeit „Ananas“ eine Erweiterung, in der sie die Granate ihrer Materialität befreit und sie damit zu einem bloßen Zeichen stilisiert. Die ursprünglichen Exemplare aus Porzellan, die einst zur Ikonisierung geführt haben, lässt sie nun die Überhöhung ihrer selbst anbeten. In der Verharmlosung durch das Wort „Ananas“ zeigt sich aber umso deutlicher ein Charakteristikum ihres künstlerischen Tuns: ihr originärer, bissig schwarzer Humor. Und zweifelsohne lassen die Granaten in ihrer äußeren Form an eine Ananas denken, jedoch verbietet der Moralist in uns diese Assoziation. Schließlich hat man es hier mit einer tödlichen Waffe zu tun und die gedankliche Verbindung zu einem gut schmeckenden und gesunden Lebensmittel wäre geradezu höhnisch. Cosima, die solche Verbindungen nur allzu gern provoziert, gruppiert, während der Betrachter sich noch zögernd Gedanken über passende Analogien macht, die Porzellan-Granaten in ihrem unschuldigen weißen Gewand um die vor einem matten Blau hervorstechende Angebetete und lässt sie wie kleine Konfirmanden erscheinen, die zu dem Idol – dem Göttlichen – streben.
Doch erkundet Cosima auf ihren künstlerischen Streifzügen nicht nur die Abgründe unserer Zivilisation, auch geografisch hat sie bereits fremde Welten bzw. andere Seiten aufgesucht, wie etwa 2013 auf einer Reise quer durch den Osten von St. Petersburg bis zur – zu diesem Zeitpunkt noch Ukrainischen – Krim. Auch hier offenbart sich das Groteske hinter der vermeintlichen Banalität, das sie etwa in einer Fotoserie festhält. „Der russische Spatz“, so der Titel der Arbeit, den man auch auf einem Foto bewundern kann, zeigt sich durchaus offen für ein Stückchen einer beispielhaft westlichen Speise, der Pommes, die er, auf einem kapitalistisch Konsum-propagierenden Tisch sich befindend, dargereicht bekommt.
Die Fotos, die sich zunächst wie Schnappschüsse generieren, machen Cosimas Talent der genauen, sezierenden Beobachtung sowie ihr Gespür für den Augenblick, in dem sich das Gewöhnliche ins Besondere wandelt, besonders deutlich. Die zwei Herren in legerer Freizeitkleidung etwa, die auf einer Bank vor dem majestätischen Prunkbau des Katharinenpalastes in Puschkin-Stadt sitzen, könnte der Betrachter zunächst als das Bildensemble störend erachten. Jedoch stellt sich heraus, dass besonders der linke Herr zu einem äußerst stimmigen Farbarrangement des Fotos beiträgt, wenn das Gold des Tores und das Blau der Pfeiler mit den auffällig rot-orangefarbenen Streifen des Marken-Trainingsanzuges einen harmonischen Dreiklang bilden.
Die körperliche Erfahrung der Zugreise kann man schließlich an der Arbeit „Seismograf“ nachempfinden. Was zunächst wie eine freie Zeichnung anmutet, in der der Linie Raum gegeben wird, ist tatsächlich eine Aufzeichnung eines selbst hergestellten Seismografs, der die Bewegungen des Zuges während Cosimas Fahrt von St. Petersburg auf die Krim festgehalten hat. Vergegenwärtigt man sich das Auf und Ab der Linien, erhält man eine ungefähre Ahnung, wie komfortabel eine solche Fahrt ist, vor allem, wenn es sich um einen Schlafwagen handelt – das Wörtchen „holprig“ scheint da ein wenig euphemistisch zu sein. Gleichzeitig könnte man bei dieser Linienführung auch geneigt sein, kurz ein, zwei Gedanken an die politische Situation in diesem Lande zu verschwenden.
Nichtsdestotrotz besitzen diese Aufzeichnungen einen hohen ästhetischen Wert, was Cosimas Arbeiten generell zueigen ist. Auch für ihre Emaille-Arbeiten trifft dies zu – ein Material, das seit einiger Zeit Einzug in ihr Schaffen gehalten hat. Während der Fokus ihrer früheren Arbeiten auf der Beschäftigung mit Porzellan liegt, setzt sie sich nun verstärkt mit Emaille auseinander und kommt hier zu ungewöhnlichen Lösungen. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass mit dem Materialwechsel auch eine Verschiebung der künstlerischen Richtung stattfindet. Denn während vor allem ihre Porzellan-Arbeiten direkter und zynischer in ihren Aussagen sind, geht sie in ihren neueren Arbeiten subtiler vor. Diese sind deswegen nicht weniger „gehaltvoll“, vorrangig jedoch minimalistischer im äußeren Erscheinungsbild.
So nähert sie sich der konkreten Kunst an, wie in dem Werk „Mors from Mars“, bei dem auch hier zunächst die äußere Form, also der ästhetische Aspekt, hervorsticht, die jedoch nicht inhaltsleer daherkommt. Und nach wie vor hält sie an ihrer „Strategie“ fest, wenn sie den Betrachter zunächst mit schönen Dingen ködert – edles Material, glatte Oberflächen, ansprechendes Äußeres – während sie ihm gleichzeitig ihre „Medizin“ verabreicht. So nimmt sie sich des aktuellen Themas der Informationsgesellschaft und dem Bedürfnis eines jeden, alles erfahren zu wollen an, in einer Zeit, die Information als Währung begreift, allen voran die großen Konzerne wie google oder facebook. Der unbedingte Wille danach, auch die letzten Geheimnisse zu erfahren – die andere Seite restlos zu erkunden. Doch ist dies überhaupt möglich? Wissen wir denn etwa, was genau die Künstlerin mit Porzellan und Lack auf die Leinwand gebannt hat? Nein – wir müssen ihr erst einmal glauben, dass die Sätze dort stehen, die der Titel zu beinhalten vermeint – sind doch die wenigsten in der Lage, Morsezeichen zu entschlüsseln. Damit erzeugt Cosima ein Misstrauen, welches zeigt, dass es keine letztendlich gültige Wahrheiten gibt, denn: „Dort könnte ja alles stehen“. Und sofern man nicht des Morse-Alphabets kenntlich ist oder ein intelligentes Telefon bei sich hat, endet die Informationsflut ganz abruppt an dieser Stelle und man gibt sich ausschließlich dem Wohlwollen der Künstlerin hin.
Wenn man sich aber auf Cosima Göpfert und ihr Spiel einlässt – was ich unbedingt empfehle – sich nicht von den schönen Dingen blenden lässt, dann kann der Betrachter in eben jene Gebiete vordringen, zu denen sich Cosima bereits vor einiger Zeit aufgemacht hat und von denen sie immer wieder neu, immer wieder anders kund tut – eben von der anderen Seite.
DIE GROßE IRRITATION
Manuela Dix, M.A. Kunsthistorikerin | 2013
Plötzlich und unvermittelt steht sie da! Einfach so auf dem Couchtisch, als gehörte sie schon immer da hin. Doch eigentlich hat eine Handgranate nichts auf einem Glastisch zu suchen und schon gleich gar nicht in einem Wohnzimmer. Doch mit ihrer glänzenden Oberfläche aus glatten, schneeweißem Porzellan hat sie sich einfach in die letzte Bastion der Gemütlichkeit gedrängt, als wäre sie eine schickes Designobjekt aus dem letzten Manufactum-Katalog. Und wer mag es ihr verdenken? Ihr Äußeres ist überaus ansprechend – ein edles Material, das sich so gut neben den silbernen Kerzenleuchtern macht. Doch irgend etwas stört die Eintracht. So recht will sich keine Behaglichkeit in Gegenwart dieses Gegenstandes einstellen. Es ist das Objekt an sich, das den Betrachter immer wieder daran erinnert, dass er es nicht mit einem schicken Designerstück zu tun hat, sondern mit einem Kunstwerk.
Das Faszinierende an dieser Handgranate sind die diversen Widersprüche, die sie in sich vereint. Zunächst sticht die Ästhetik des Materials ins Auge: Porzellan, ein Werkstoff, der üblicherweise für schöne, dekorative Dinge verwendet wird. Dem gegenüber steht ein Gefühl der Abscheu, das sich einstellt in Zusammenhang mit dem Gedanken an eine Waffe. Mehr noch: das anheimelnde Wesen schöner Designobjekte, das dem Stoff Porzellan zugeschrieben wird, steht im krassen Gegensatz zu der Angst, die unwillkürlich auftaucht, wenn man sich mit einer derartigen Waffe konfrontiert sieht. Doch diese Handgranate ist harmlos – vielmehr noch: sie ist zu allererst einmal lächerlich. Denn die diesem Instrumentarium inhärente Zerstörungskraft ist ihm vollständig genommen worden. Es besteht sogar die Gefahr, dass das Objekt selbst beschädigt werden könnte, da Porzellan überaus fragil ist. Auch im Innenleben der Handgranate setzen sich die Gegensätze fort. Eine Füllung aus Lachgas, das sich durch eine schmerzstillende Wirkung auszeichnet, ist angesichts der Zerstörungskraft der eigentlichen Waffe eine mehr als zynische Entgegnung.
Zynismus ist das Wort, das sich wie ein roter Faden durch Cosima Göpferts Werk zieht. So bewegt sie sich in ihren Arbeiten immer wieder zwischen Ernst und Humor, wobei sie nie die Schwelle zur Lächerlichkeit überschreitet. Eher begibt sie sich auf das nicht ungefährliche Gebiet des Galgenhumors, in dem sie sich souverän auszukennen scheint. Es ist die Ernsthaftigkeit der Themen, die die Arbeiten davor bewahren, in der Belanglosigkeit zu verschwinden. Doch kommen diese nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher. Göpfert versteht es, die äußert komplizierte Balance zu halten, wenn sie unter dem Deckmantel der Komik relevante Themen der Gegenwart anspricht. Dadurch gelingt ihr, dem Betrachter durch ihre treffsicheren Kommentare zu aktuellen Diskursen eigentlich gehaltvolle Kost zu servieren, wie etwa in ihren Arbeiten, die sich mit aktuellen Geschlechterdiskussionen auseinander setzt. In Wie lieb von dir begegnen wir erneut dem Porzellan, diesmal in Form eines ungewöhnlichen „Blumenstrauß‘“, der sich bei näherer Betrachtung als ein Bund an Barbiebeinen zu erkennen gibt. Unwillkürlich schießen in Verbindung mit dem Titel Assoziationen wie: Was schenkt ein Mann einer Frau heute? Sind Blumen noch angebracht oder gilt das schon als anachronistische Unterdrückungsgeste des Mannes? Gleichzeitig ist die Figur der Barbiepuppe immer noch ein Symbol des völlig verschobenen Schönheitsideals heutiger Frauen, das es selbstverständlich anzuprangern gilt. Doch was gilt als schön und welche Vorstellung von schön haben Männer? Doch sollte man sich eben nicht an den Idealen der Männer orientieren? Männer wollen doch nur das Eine! Eine schöne, unangestrengte, schlanke Frau! Und das am liebsten im Dutzend! Damals, als Frauen zu Hause blieben, immer nett geKLEIDet waren und kleine Aufmerksamkeiten noch schätzen wussten. Das waren noch Frauen, wie Mann sie sich vorstellt. Rein und unschuldig, wie das weiße Porzellan, aber gleichzeitig schön und sexy mit langen, wohlgeformten Beinen.
Doch nicht nur die Frauen haben Schwierigkeiten in der Findung ihrer Identität in einer Gegenwart, in der alles kann aber nichts muss. Auch der heutige Mann hat so seine Probleme, die natürlich mit seinem Ego zu tun haben. So demonstriert ihr Narziss, der in der Mythologie an seiner eigenen Eitelkeit zugrunde geht, wie das männliche Selbstverständnis unter den geänderten Verhältnissen leidet. Daher kann die Verunsicherung des Mannes nur in Gestalt eines deformierten Penisses daherkommen. An keinem anderem Körperteil lässt sich die Quasikastration des „starken Geschlechts“ besser versinnbildlichen, wenn die heutige junge, gut ausgebildete Frau ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt und die ihr bis vor nicht allzu langer Zeit verwehrte Karriere verfolgt. So bleiben die zutiefst irritierten jungen Männer in ihren „Kinderzimmern“ zurück und versuchen damit klarzukommen, dass die althergebrachten Rollenklischees plötzlich nicht mehr gelten sollen, während Mutti unten in der Küche das Essen vorbereitet. Denn: „Was soll der Junge denn noch alles machen? Er geht ja schon arbeiten. Da kann er nicht auch noch Kochen lernen“.
Bevorzugt geschieht diese Flucht der jungen Damen in die finanzielle Unabhängigkeit in den noch immer „Neue Bundesländer“ genannten Regionen und hier hauptsächlich auf dem Land.
Da passt es nur zu gut, dass Cosima Göpfert eben dies in einer weiteren Arbeit thematisiert. Das „Gesellschaftsspiel für Jung und Alt“ mit Namen Ködderschd verweist auf das Phänomen der Landflucht. Schauplatz ist der Ort Ködderitzsch – ein Name wie eine Ohrfeige. Wenn man hier aufgewachsen ist, gibt es nur einen Weg: raus und zwar ganz weit weg; und genau das ist das Ziel dieser scheinbar heiteren Familienunterhaltung. Auch hier lässt sich hinter der heiteren Fassade ein Reflektieren über aktuelle Tendenzen der unmittelbaren Wirklichkeit erkennen.
Mit Ihrem Witz verschleiert die Künstlerin die Irritationen und Schieflagen der Gesellschaft. Aber wir haben es hier nicht mit einer rosaroten Wolke der Harmonie zu tun. Stets lauert unter dem humorvollen Mäntelchen ein bissiger und bitterböser Kommentar, der dem Betrachter das Lachen im Halse stecken bleiben lässt und ihn letzten Endes doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Mit einer abgeklärten Dreistigkeit spricht Cosima Göpfert Dinge an, bei denen man in Gesprächen zumeist betroffen auf den Boden blickt und schleunigst zu unverfänglichen Themen wie dem Wetter wechselt. Doch hier gibt es kein Ausweichmanöver. Das verlegene Lachen wird im Keim erstickt und muss sich der kalten Realität stellen – ebenso wie der Endzwanziger, der irgendwann erkennen muss, dass es bei Mutti doch nicht am Schönsten ist und Frauen nicht unbedingt nur kochen und schön aussehen wollen.
Cosima Göpfert. ABGESTIMMT. Spannungsfelder mit Symbolkraft
Redaktioneller Beitrag im ARTPROFIL Kunstmagazin, Ausgabe 148/2022
ARTPROFIL Kunstmagazin (Hrgb.): Cosima Göpfert: Abgestimmt. Spannungsfelder mit Symbolkraft, Mannheim 2022, S. 12ff, 58. • ISSN 1430-4821
COSIMA GÖPFERT. ABGESCHMINKT
Einzelkatalog
Susanne Knorr, Kai Uwe Schierz (Hrgb.): Cosima Göpfert. abgeschminkt, Erfurt 2020.
ISBN 978-3-942727-21-1
TEILEN & HABEN
VBKTh e.V. (Hrgb.): Teilen & Haben. Positionen der Gegenwartskunst, Erfurt 2020, S. 26ff.
KUNSTSPIELEKUNST
Kunststation Kleinsassen e.V. (Hrgb.): KunstSpieleKunst. Kunst verspielt, bewegt, interaktiv, Kleinsassen 2019, S. 20f.
COSIMA GÖPFERT. ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß
Einzelkatalog
COSIMA GÖPFERT. ZWISCHEN SCHWARZ UND WEIß, Verlag SchumacherGebler, Dresden 2018.
ISBN 9783941209527
MAGISCHE QUADRATE
Kunstwetthüringen e.V. (Hrgb.): Magische Quadrate, Mühlhausen 2017, S. 13. • ISBN 8000203997437
LET'S BUY IT! KUNST LIEB : KAUFEN BÖSE
Christine Vogt (Hrgb.): Let's buy it! Kunst und Einkauf. Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter. Kunst lieb : Kaufen böse, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Kerber Verlag, Bielefeld / Berlin 2017, S. 47. • ISBN 9783735603203
REFORMATION
Schwarzenberg (Hrgb.): ReFORMation. art-figura, Verlag Mike Rockstroh, Aue 2017, S. 40f.
IM ZEICHEN DES GOLDES
Schwabach (Hrgb.): Im Zeichen des Goldes. Ortung IX, Fürth 2015, S. 10f.
ENTROPHY
Liz Bachhuber, Bauhaus-Universität Weimar (Hrgb.): Entrop h y. Garbage and Art, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, Bad Langensalza 2011, S. 102f. • ISBN 9783860684412
Presse-Artikel
Autor / Magazin
...